Mit „Send Help“ startete am 29.1. der neue Film von Horror-Meister Sam Raimi in den Kinos. Es verspricht, ein unterhaltsamer Survival-Horrorfilm zu werden, was Raimi seit „Drag Me to Hell“ nicht mehr gedreht hat. Damit kehrt der Regisseur auch zu seinen Wurzeln zurück. Hat „Send Help“ das Zeug zum Kultfilm wie die „Tanz der Teufel“-Reihe (1981–1992)?

Kritik von Christian Oehmigen

Linda Liddle (Rachel McAdams) hat es nicht einfach: Sie ist Single und hat einen exotischen Vogel, mit dem sie nicht nur Gespräche, sondern auch belegte Brote teilt. In der Firma wird die Expertin in den Bereichen „Strategie und Planung“ gerne übersehen. Zu sozial unbeholfen und ungepflegt tritt sie auf. Trotzdem hält der Chef der Firma große Stücke auf sie und verspricht ihr, sie zu befördern.

„Send Help“: Ein Survival-Thriller der anderen Art

Dumm nur, dass dieser inzwischen verstorben ist und sein Sohn Bradley (Dylan O’Brien) die Geschäfte fortan übernimmt. Denn der hält von Linda gar nichts und will die Beförderung lieber seinem Kumpel Donovan überlassen. Als Linda dies erfährt, stürmt sie in Bradleys Büro, um ihn zur Rede zu stellen. Ein sichtlich perplexer Donovan bietet ihr die Chance, sich bei einem Unternehmensdeal in Bangkok zu bewähren.

Dazu kommt es jedoch nicht, da das Flugzeug über dem Meer abstürzt. Linda und Bradley überleben als Einzige dieses Unglücks und müssen fortan auf einer Insel überleben. Für Linda, die ein großer Fan von Survival-Shows ist, ist das kein großes Problem; ja, sie scheint es sogar zu genießen, jetzt der „Boss der Insel“ zu sein. Anders sieht es bei Bradley aus, der plötzlich auf Lindas Hilfe angewiesen ist, um zu überleben. Nach anfänglichem Näherkommen entwickeln sich zwischen den beiden spürbare Spannungen.

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Rachel McAdams brilliert

Mit Sam Raimi verbindet man vor allem die Kunst, absurde Horrorelemente mit Comedy zu vereinen. Wie kein anderer versteht er es, diese beiden gegensätzlichen Genres zu verschmelzen. Das zeigt er besonders eindrucksvoll in „Tanz der Teufel 2“ oder in seinem letzten Ausflug in diese Gefilde, „Drag Me to Hell“. Was bei Raimi auch nicht zu kurz kommt, sind die Satireanteile – und auch die gibt es in „Send Help“ zur Genüge, wenn auch etwas subtiler. Genau diese Aspekte machen den Film sehenswert.

Auch wenn sich Muster am Anfang abzeichnen und die Richtung vorhersehbar scheint, schlägt die Handlung immer wieder einen Haken und überrascht positiv. Das zeigt sich besonders an an der Figur Linda Liddle. Anfangs wird sie als graue Maus inszeniert, die immer in ein neues Fettnäpfchen tritt. Gleichzeitig steht sie aber für sich ein: Das entspricht nicht der Erwartung, da Charaktere wie sie eine Demütigung oft eher im Stillen ertragen. Da sieht man gleich zu Beginn, was für eine herrlich komplexe Figur diese Linda ist, und Rachel McAdams spielt sie bemerkenswert.

Sie verschwindet regelrecht in diesem Charakter und ist auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennen. Sie geht völlig in der Figur auf und trägt „Send Help“ über weite Strecken. Ihre Linda hat nach außen hin eine liebenswerte Art, verbirgt aber auch eine dunkle, unberechenbare Seite , wie ihr Vorgesetzter Bradley zu spüren bekommt. Leider bekommt Darsteller Dylan O’Brien im Drehbuch nicht die Vielschichtigkeit seines Gegenübers, weshalb die Schlagabtausche eher einseitig ausfallen.

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Satire über toxische Führungskultur

Natürlich lässt sich argumentieren, dass genau dies der satirische Ansatz von „Send Help“ ist: Während Bradley sich nur in der sicheren, behüteten, ihm in den Schoß gelegten Umgebung profilieren kann, ist er außerhalb des Büros komplett inkompetent. Raimi entlarvt hier die Illusion von Führungskompetenz – Titel bedeuten nichts, wenn Substanz fehlt. Dennoch ermüdet der einseitige Schlagabtausch etwas.

Die überspitzte Darstellung von Linda, die einzig durch das Konsumieren von Survival-Shows zur Expertin wird, ist ein weiterer, satirischer Seitenhieb auf Reality-Shows im Ganzen. Raimi stellt hier die Frage, ob medial vermitteltes Wissen echte Kompetenz ersetzen kann – und beantwortet sie mit einem zynischen Ja. Was Chuck Noland in „Cast Away“ erst nach Tagen mühsam geschafft hat, zum Beispiel Feuer zu machen, gelingt Linda bereits in den ersten Stunden auf der Insel.

All diese Elemente werden gut ineinander verwoben und immer wieder durch typische Raimi-Eskalationen unterbrochen. Ob bei der Jagd auf ein Wildschwein, dessen Existenz auf einer kleinen, einsamen Insel mehr als fragwürdig ist, oder bei Rettungsaktionen mit viel Körperflüssigkeit der anderen Art verbunden: Raimi gelingt es nach wie vor gut, absurde Szenen zwischen Ekel und Komik zu balancieren. Auch die Gewaltszenen haben oft einen komödiantischen Unterton, sodass Schrecken und Lachen nah beieinanderliegen.

„Misery“ als Vorbild

Leider werden damit die psychologischen Nuancen zu wenig ausgespielt. Vielleicht war Sam Raimi nicht so sehr daran interessiert, obwohl der Horrorthriller „Misery“ des kürzlich verstorbenen Rob Reiner eine große Inspiration gewesen zu sein scheint. Zwar darf McAdams ihre innere Annie Wilkes herauslassen, aber bei Weitem nicht so konsequent wie das in „Misery“ der Fall war. Da hat man doch zurückgerudert, um nicht die Gunst von Linda vollständig zu verlieren.

Ein Problem bei „Send Help“ ist die Länge. Gegen Ende wiederholt sich das Geschehen, und der Film hat eigentlich alles erzählt. Eine Kürzung um 10 Minuten hätte ihm deutlich besser getan. Immerhin kommt er mit 112 Minuten unter der 2-Stunden-Marke.

send help bild

Starke Bilder, schwaches CGI

Positiv zu erwähnen sind die Außenaufnahmen in Thailand. Das Inselgefühl kommt sehr gut zur Geltung. Paradies und Hölle zugleich: Der Zuschauer erlebt ein gewisses Urlaubsgefühl, das sich bei extremen Wettersituationen schnell wandelt.

Das CGI untergräbt allerdings die Authentizität. Gerade bei den animierten Tieren zeigt sich die Begrenzung des 40-Millionen-Dollar-Budgets deutlich. Diese Schwächen werden jedoch clever kaschiert durch dynamische Kamerabewegungen und Schnitte.

Die Musik stammt wieder von Stammkomponist Danny Elfman. Es ist bereits das achte Mal, dass Raimi und er zusammenarbeiten. Auch für „Send“ Help liefert er einen soliden Score, der nie aufdringlich ist und das Geschehen auf der Leinwand bestens begleitet.

Fazit

„Send Help ist“ die Rückkehr zu den alten Wurzeln von Sam Raimi: Sein Gespür für Horror, Komödie und Satire funktioniert nach wie vor sehr gut. Der Film überzeugt über weite Strecken als gelungener Mix aus Survival- und Horrorthriller und durch eine sichtbar gut aufgelegte Rachel McAdams, die völlig in ihrer Rolle aufgeht. Leider verliert „Send Help“ gegen Ende an Tempo und wird inhaltlich repetitiv, auch einige CGI-Szenen trüben den ansonsten positiven Eindruck. Trotzdem eine klare Empfehlung für Raimi-Fans und alle, die auch einen toxischen Chef in ihrem Büro haben.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(74/100)

„Send Help“ – seit 29.1.2026 im Kino.

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Bilder: (c) 20th Century Studios