Nachdem wir in den letzten Wochen unser publizistisches Spektrum aufgrund der Coronakrise und der damit verbundenen Schließung der Kinos schon auf Serien ausgeweitet haben, geht es nun noch einen Schritt weiter: Das TV. Und da gleich zu einer Spielart des Fernsehens, die wohl am meisten von allen in Verruf steht: Das Reality-TV.

von Christian Klosz

Formate wie „Promis unter Palmen“, Das „Dschungelcamp“ oder „Das Geschäft mit der Liebe“ werden gerne als Beispiele für Tiefpunkte der Unterhaltungsbranche genannt – geschaut werden sie trotzdem, und das nicht zu knapp: Das Interesse daran, (vermeintlichen) B-Z-Promis dabei zuzusehen, wie sie ihre Würde verlieren, scheint groß. Auch Netflix ist kürzlich, für viele überraschend, auf das Reality-Revival aufgesprungen und bescherte uns seither Leckerbissen wie „Too hot to handle“. Aus persönlichen Gesprächen in meinem Umfeld weiß ich, dass das mehr Leute feiern, als man denken möchte, und durchaus auch solche, die sich sonst der „ernsten Filmkunst“ verschrieben haben. Die Motive sind vielfältig: Die einen sehen es als durch demonstrativ zur Schau gestellte Ironie zu entschuldigendes guilty pleasure, andere als willkommene Ablenkung und Kotrapunkt zur sonst trockenen Arthouse-Filmkost, wieder andere als Möglichkeit zur Zerstreuung. Und es mag wohl auch Menschen geben, die ganz ernsthaft und ironiefrei mit den Protagonisten dieser Formate mitfiebern, die echten, wahren „Fans“ also.

Ich habe in den letzten Wochen, bei anderen, aber auch bei mir selbst, ein neues Motiv entdeckt: Meine Hypothese ist, dass gerade jetzt in der Krise Menschen verstärkt Bedürfnis nach Reality-TV verspüren, da sie da Menschen beobachten können, die ein normales Leben führen, trotz Corona, und unser aller Sehnsucht danach derzeit besonders groß ist. Reality-TV mit Kompensationsfunktion quasi.

Eine Sonderstellung nimmt dabei die aktuelle Staffel von „Big Brother“ ein, die für 3 Monate wochentags um 19:00 auf SAT 1 ausgestrahlt wurde. (Heute steigt um 22:00 das große Finale). Besonders hierbei ist einerseits, dass es sich um die erste (nicht Promi-)Staffel seit Jahren handelt, und erstmals neue Features (z.B. Sternbewertungen bzw. Rankings für die Bewohner) eingeführt wurden. Zum anderen ist es natürlich auch die „Corona-Staffel“: Während beim Einzug in den „Container“ im Februar bei uns noch alles eitel Wonne war, brach nach rund einem Monat in der Außenwelt die Corona-Pandemie aus. Die Bewohner wurden zuerst darüber im Dunkeln gelassen, dann entschied man sich dazu, sie doch zu informieren. Sie wussten und wissen, dass sie sich am derzeit wohl sichersten Ort Deutschlands befinden, wo das normale Leben weitergehen konnte (ohne Masken, Abstandsregeln und dergleichen), während der Rest der Menschheit unter großen Beschränkungen, Ausgangs- und Kontaktsperren litt und leidet.

Was diese Staffel aber von ganz vielen anderen Reality-Formaten am meisten unterscheidet, ist der fast völlige Verzicht auf Trash, das heißt: Keine Ekelprüfungen, keine forcierten Intrigen, keine genüsslich ausgeschlachteten Schwächen der Teilnehmer, keine Bloßstellungen und vor allem: Sympathische, nette und echte Bewohner und Bewohnerinnen, denen man einfach gerne zuschaut. Diese Verweigerung gegenüber der Sensationslust führte einerseits zu konstant niedrigen Quoten, andererseits zu einer treuen Fangemeinde und vor allem zu einem erstklassigen TV-Produkt.

Die finalen Big Brother-Bewohner:

SAT 1 castete die 14 ursprünglichen Big Brother-Bewohner klug: Altersmäßig deckte man die TV-Zielgruppe gut ab (Anfang 20 bis Mitte 40), gleich viele Männer und Frauen, diverse sexuelle Orientierungen (ein offen schwuler Mann, 2 bisexuelle Frauen) und ganz unterschiedliche Typen. Wobei auf den Typus „charmanter Proll“, der viele vorige Staffeln dominiert hatte (man denke an Zlatko…) diesmal weitgehend verzichtet wurde.

Als Favoritin steht inzwischen die 20-jährige Gina fest: Beim Einzug noch am untersten Ende der Beliebtheitsskala, stieg sie kontinuierlich in der Gunst der Zuschauer und war die letzten Wochen konstant an der Spitze des Rankings zu finden. Sie kommt gut an, da sie mit der Zeit ihre verschlossene, distanzierte Art ablegte, aus sich herausging, sich so zeigte, wie sie ist; das goutiert der Zuschauer.

Ein Mitfavorit auf den Sieg heute Abend ist Pat: Rund 30, schwul, meist gut gelaunt, immer nett und freundlich, empathisch und auch im Haus sehr beliebt. Sein größtes Asset ist sein sympathisches und ehrliches Wesen, das bei den Zuschauern gut ankommt. Sein „zweites Ich“ und die inzwischen beste Freundin ist Vanessa, eine eloquente, witzige und toughe Frau Mitte 20, die auch mal anecken kann, aber die ein großes Herz hat.

Dann gibt es da das Big Brother-Liebespaar Tim und Rebecca, beide 21: Tim hatte auch Interesse an Gina gehabt, Rebecca an Philipp – doch schließlich passierte das, was alle anderen schon Wochen davor gewusst hatten: Sie fanden zueinander, knutschten hemmungslos, entweihten so zirka jede flache Fäche des Hauses durch heavy petting (und mehr). Klingt alles nach einem schlechten Soap-Plot, war aber alles real, und die beiden werden auch nach Big Brother ein Paar bleiben. Einziger Wermutstropfen? Tim musste als letzter Bewohner vor dem Finale das Haus verlassen, Tibecca wurde zerrissen, und Rebecca muss das Finale alleine durchstehen.

Der dritte, große Favorit neben Pat und Gina ist Cedric, der öfter als jeder andere auf der Abschussliste und damit vor dem Auszug stand, aber sich am Ende immer gerade noch vor dem Rauswurf retten konnte. Er setzte sich vergangene Woche auch gegen Tim durch. Und er ist der Bewohner, der am meisten polarisiert: Im Haus, wie auch in den Sozialen Medien. Die einen lieben seine etwas naive und einfältige Art, seine dummen Sprüche und seinen Kampfgeist, die anderen finden ihn dumm und hohl. Gerade weil er so polarisiert, stehen seine Chancen heute Abend wohl nicht schlecht.

Der letzte Finalteilnehmer ist der schwer einzuschätzende Philipp: Er gibt gern den smarten Frauenhelden, kann aber auch zurückhaltend und verständnisvoll sein und kommt mit allen Bewohnern ganz gut klar. Von allen ist er vermutlich derjenige mit den wenigsten „Ecken und Kanten“, der „normalste“ Typ wenn man so will, aber auch der, der am überlegtesten agiert.

Diese 6 (die 7 oben minus Tim) kämpfen heute um den Sieg bei Big Brother 2020. Wer gewinnt, ist aber letztlich gleichgültig, denn der Weg war das Ziel und Sat 1 hat die wahre Leistung bereits davor vollbracht: Man hat bewiesen, dass es möglich ist, qualitätsvolles Reality TV ohne Ekeleinlagen, peinliche Entblößungen und nervige Selbstdarsteller zu machen, das von seinen durchwegs sympathischen „Darstellern“ getragen wird, denen man einfach gern zuschaut. Nicht aus Skandallust, Voyeurismus oder in Erwartung endloser Intrigen und verbaler Ausfälle, sondern einfach, weil sie interessante Menschen sind.

Bewertung (Staffel):

8 von 10 Punkten

Titelbild: Sat1