Für Reality-TV-Aficionados ist sie die „Mutter aller Shows“: Die Rede ist natürlich von Big Brother, mit dem vor gut 20 Jahren ein neues Kapitel der TV-Geschichte eröffnet wurde. Während des Reiz der Formats zu Beginn vor allem darin lag, unbekannten „Normalos“ dabei zuzusehen, wie sie auf engstem Raum miteinander auskommen (oder eben nicht), um sich vielleicht selbst etwas besser zu fühlen, verlor dieses Konzept spätestens seit Aufkommen der „Social“ Medias an Bedeutung. Denn nun konnte jeder zum „Star“ werden und sich seine 15 Minuten fame abholen, wenn er oder sie sich nur geschickt genug anstellte.

von Christian Klosz

Stattdessen begann man, Promis und solche, die es gern wären, einmal waren oder werden wollen, in Häuser, Burgen, auf Almen, in Sommerhäuser, an Strände oder in den Urwald wahlweise zu sperren oder zu schicken. Was genau der Reiz fürs Publikum dabei ist, ist schwer auszumachen: Zu Beginn dieser Reality-Formate, als auf die Teilnehmer/innen tatsächlich noch im Ansatz die Attribute „prominent“ oder zumindest „bekannt“ anwendbar waren, schien die Spannung darin zu liegen, „außergewöhnliche“ Menschen in „gewöhnlicher“ Umgebung zu beobachten (während die Grundidee des Formats ja war, „gewöhnlichen“ Menschen in einer „außergewöhnlichen Situation“ – sprich im Fernsehen – zuzuschauen). Man erfreute sich an den sichtbar werdenden Schattenseiten dieser Blitz-Licht-Gestalten und konnte, wenn man wollte, erkennen, dass „die“ ja auch nur „ganz normale Menschen“ wie du und ich seien.

„Promi Big Brother“ ging heuer in seine 10. Staffel, und im Jubiläumsjahr war man gar nicht so schlecht besetzt: Erotikmodel Micaela Schäfer, Schauspielerin Katy Karrenbauer, Sänger Jay Khan, DSDS-Ikone Menderes, Sportreporter Jörg Dahlmann oder Stimmenimitator Jörg Knör sind zumindest Namen, die dem einen oder anderen schon einmal untergekommen sind. Während sich erwartbare Favoriten schnell in den Vordergrund spielten (Karrenbauer, Schäfer) oder sich nobel im Hintergrund hielten (Menderes), gab es auch Kandidaten, die niemand auf der Rechnung gehabt hatte, die aber langsam und stetig Oberwasser bekamen. Dabei ganz vorne: Box-Promoter Rainer Gottwald, zuvor wohl nur Box-Fachleuten ein Begriff.

Zu Beginn dieser Ausgabe sorgte freilich in erster Linie ein gewisser Jeremy Fragrance für offene Münder, Schlagzeilen und Highlights: Mit seiner Mischung aus zwanghafter Geltungssucht, Narzissmus, self improvement-Dadaismus und skurrilen Ansagen fragten sich nicht nur einige Bewohner, ob der denn noch alle Tassen im Schrank hätte. Wenngleich einiges an diesem bizarren Auftritt, der nach wenigen Tagen freiwillig endete, sicherlich einer Agenda folgte und kalkuliert war, öffnete sich doch immer mehr der Blick auf einen komplexen Charakter, der bis zum Ende hin kaum durchschaubar blieb (und dem Sat1 schließlich sogar eine Hauptabend-Doku widmete). Ob und wie verrückt Mr. Fragrance wirklich ist, lässt sich schwer beurteilen, immerhin hinterließ er im TV seine Duftmarken.

Danach, als der potenzielle Stressfaktor sich selbst entfernt hatte, fiel Promi Big Brother-Staffel 10 vor allem durch große Harmonie in allen (diesmal drei) Bereichen auf, die in vorigen Ausgaben so selten zu sehen war: Fast alle „Stars“ kamen gut bist sehr gut miteinander aus, es entstanden Freundschaften und für psychologisch oder soziologisch interessierte Zuschauer/innen gab es gewohnt ergiebiges Studienmaterial.

Dass am Ende doch nicht die Favoriten Menderes oder Mica den Sieg nach Hause trugen, sondern Außenseiter Rainer, der sich von hinten nach vorne und in die Herzen der Bewohner und Zuschauer geboxt hatte, war zwar immer noch eine kleine Überraschung, erschien aber angesichts dieser harmonischen, geradezu schön anzusehenden Ausgabe irgendwie folgerichtig. Der sanfte Riese konnte sein Glück kaum fassen und Sat1 bewies, dass durchaus auch ältere Formate Zukunft im Fernsehen haben, sofern man auf die richtige Besetzung baut.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(71/100)

Im Titelbild: Rainer Gottwald; Sam Dylan; Jeremy Fragrance; Jay Khan; Patrick Hufen; Jörg Dahlmann; Micaela Schäfer; Katy Karrenbauer; Jörg Knör; Diana Schell; Jennifer Iglesias; Menderes Bağcı; Walentina Doronina; Tanja Tischewitsch; Doreen Steinert.

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Titelbild: (c) Sat1 / Marc Rehbeck