von Mara Hollenstein-Tirk

Es gibt sie immer wieder: Nebenrollen in Film und Fernsehen, die sich solcher Beliebtheit erfreuen, dass sie ihre eigenen Soloabenteuer bekommen. Letztes Jahr durfte der Charakter „Hobbs“ aus dem „Fast and the Furious“-Franchise die Kinoleinwände mit krasser Action bombardieren, „Joey“ aus der Erfolgssitcom „Friends“ versuchte es auch einmal im Alleingang (mit eher mäßigem Erfolg), und auch der Vampir „Angel“ aus „Buffy“ durfte in einer anderen Stadt mit neuen Gefährten frisch anfangen.

All diesen Figuren ist gemein, dass sie es geschafft haben, innerhalb der jeweiligen Fanbase zu absoluten Lieblingen zu avancieren und sich so von der breiten Masse an (Neben-)Charakteren abzuheben. In der jüngeren Seriengeschichte ist dies wohl kaum jemandem so gut gelungen wie dem redegewandten, zwielichtigen Anwalt mit den schrillen Anzügen namens Saul Goodman, der mehr als einmal Walter White in „Breaking Bad“ vor einer Katastrophe bewahren konnte. Schnell wurde klar, dass die Zuschauer unbedingt mehr über diesen spitzbübischen Advokaten des Teufels erfahren wollten und der Weg für ein Spin Off war geebnet. Die erste Staffel flimmerte dann auch schon 2015 über die Bildschirme und offenbarte, dass Fans sich gleich doppelt freuen durften, die Serie war nämlich Prequel und Sequel zugleich. Auf der einen Zeitebene erfährt der Zuschauer, wie aus dem im Schatten seines Bruders stehenden James „Jimmy“ McGill, der gerade erst seine Anwaltsprüfung bestanden hat, Saul Goodman wird, der Anwalt, dem die Gangster vertrauen. Auf der anderen Seite sieht man aber auch, wie es mit Saul nach dem Finale von „Breaking Bad“, in dem er fliehen und mit Hilfe einer falschen Identität untertauchen musste, weitergeht.

Diese beiden Erzählstränge werden vor allem auf visueller Ebene deutlich voneinander abgegrenzt, indem die Vorgeschichte in Farbe und die Nachwirkungen in schwarz-weiß gezeigt werden. So verkraftet man als Zuschauer nicht nur die Sprünge innerhalb der Episoden leichter, sondern es dient auch der Inszenierung, indem das bunte Treiben vor „Breaking Bad“ in auffälligen Kontrast zu der eintönigen Existenz danach gebracht wird.

Doch nun zur aktuellen fünften Staffel: Die holt einen nämlich ziemlich genau dort ab, wo Staffel 4 einen zurückgelassen hat und spitzt die verschiedenen Konflikte während ihres Verlaufs immer weiter zu. Da wäre auf der einen Seite Saul selber, der sich immer mehr zwischen zwei Fronten wiederfindet, und nicht nur einmal um sein eigenes Leben und das seiner Freundin Kim bangen muss. Dann Kim, die sich nicht nur damit anfreunden muss, dass ihr Lebensgefährte nun als Saul Goodman tätig ist, sondern sich selber immer mehr Gedanken über ihre eigene berufliche und private Zukunft machen muss. Und dann wäre da natürlich noch der inoffizielle Disput zwischen Lalo Salamanca und Gustavo Fring, der immer gewalttätigere Züge annimmt.

Viel Ärger liegt also in der Luft, den Vince Gilligan erneut meisterhaft in 10 Episoden zu einer mitreißenden Story verwebt. Dabei sind manche Entwicklungen äußerst überraschend, fühlen sich aber trotzdem nie gekünstelt oder unnatürlich an, da Gilligan sich bereits in den vorherigen Staffeln die Zeit genommen hat, seine Charakteren mit der nötigen Tiefe auszustatten, sodass auch teils irrational erscheinende Handlungen in eben diesem Moment plausibel wirken. Außerdem sind es auch diese überraschende Einfälle und ihre oft schon fast geniale Auflösung, die einen Teil des besonderen Reizes beider Serien („Breaking Bad“ und „Better Call Saul“) ausmachen. Man kann sich einfach nie sicher sein, mit welcher Idee die Schreiber diesmal um die Ecke kommen könnten, wodurch man stets interessiert am Ball bleibt. Langeweile kommt auch dank der vortrefflichen Mischung aus Drama und schwarzem Humor, die sich auch in einer wirklich gekonnten, kreativen Inszenierung niederschlägt, niemals auf. Und natürlich sind es auch die raffiniert geschriebenen Charaktere, alte Favoriten ebenso wie vielversprechende Neulinge, und die grandiosen schauspielerischen Leistungen dahinter, die einen immer wieder gebannt vor den Fernseher locken.

Fazit

Alles in allem steht die fünfte Staffel den vorherigen in nichts nach, was Drama, Humor oder Figurenentwicklung betrifft. Die insgesamt 10 Episoden strotzen nur so vor überraschenden Entwicklungen, im Gedächtnis bleibenden Szenen und einem richtig guten Cliffhanger. Einzig die Frage, wie es den Drehbuchautoren gelingen soll, die Serie mit der nächsten Staffel zu einem befriedigenden Ende zu führen, bleibt nach der Sichtung im Raum stehen – und wird wohl erst 2021 beantwortet werden, wenn die 6. Staffel dann (hoffentlich) erscheint.  

Bewertung

9 von 10 Punkten (88/100)