Nachdem Scott Derrickson “Doctor Strange: Multiverse of Madness“ seinem Kollegen Sam Raimi überließ, kollaborierte er mit Drehbuchautor Robert Cargill, um eine Geschichte von Joe Hill auf die Leinwand zu bringen – das Resultat zeigt, dass Derrickson die richtige Entscheidung traf, denn „The Black Phone“ ist ein starbesetzter psychologischer Horror-Thriller, der unter die Haut geht. Das Team hinter „Sinister“ macht aus Ethan Hawke einen furchteinflößenden Kindermörder und verwandelt den Vorstadttraum der 1970er Jahre in einen Ort des Grauens. Ab 23.06. im Kino.

von Natascha Jurácsik

Für die Kurzgeschichte, auf welcher der Film basiert, hat sich Joe Hill allem Anschein nach von seinem Vater Stephen King inspirieren lassen: Der Junge Finney and seine Schwester Gwen leben mit ihrem alkoholabhängigen Vater in einer amerikanischen Kleinstadt der 1970er und versuchen ihren Alltag so gut es geht zu bewältigen. Doch das mysteriöse Verschwinden von einer steigenden Anzahl an Kindern stellt die Nachbarschaft vor ein grausiges Rätsel – schwarze Luftballons an den Entführungsorten sind die einzigen Hinweise. Als schließlich auch Finney dem sogenannter „Grabber“ zum Opfer fällt, liegt es an ihm selbst und den prophetischen Träumen seiner Schwester, lebend aus der Situation zu entkommen. Doch Finney scheint unerwartet Hilfe zu bekommen: ein kaputtes, schwarzes Telefon hängt an der Wand des Kellers, in dem er festgehalten wird und fängt plötzlich an zu klingeln – die Stimmen auf der anderen Leitung sind allerdings nicht von dieser Welt.

Derrickson lässt mit viel Liebe zum Detail die späten 70er Jahre wieder aufleben: melancholische Sepia-Töne, Kinder auf Fahrrädern und ein atmosphärischer Soundtrack machen es dem Publikum leicht, sich in den kleinen Ort in Colorado, wo die Handlung stattfindet, zu versetzen – allerdings ohne die rosarote Brille der Nostalgie. Die jungen Figuren im Zentrum der Geschichte werden mit einer Ernsthaftigkeit behandelt, die so in der Filmwelt eher selten ist. Ihre Probleme und Ängste werden in keinster Weise minimiert oder als unreif dargestellt, sondern ganz im Gegenteil: Hier wird man mit der Brutalität und der Hilflosigkeit eines Alters konfrontiert, in dem man sich zwar schon als eigene Person etabliert, aber noch keinerlei Autonomie über das eigene Leben zu haben scheint. Die Erwachsenen dieser Welt sind unzuverlässig, ignorant und sogar bedrohlich.

Der Dialog passt sich dem an: Finney, seine Schwester und die anderen Kinder reden nicht in einer ärmlichen Imitation von jugendlichem „Slang“, ihre Gespräche wirken realistisch und im Ton der jeweiligen Rahmenhandlung angepasst. Derrickson, Cargill und Hill war es offenbar wichtig, sie einfach wie Menschen zu behandeln – wodurch ihre Angst umso herzzerreißender wirkt. Man zittert um sie, weil sie einerseits Kinder und andererseits greifbare Individuen mit Persönlichkeiten sind, die sich nicht auf zweidimensionale Rollen wie „der Lustige“, „der Dicke“, „der Kluge“ usw. beschränken. In dieser Hinsicht kann Hill seinem berühmten Vater wohl mehr als das Wasser reichen, auch wenn die Fähigkeiten von Derrickson und Cargill sicherlich ihren Beitrag zu dieser gelungenen Darstellung leisten.

Auch das Publikum wird nicht unterschätzt: Statt zwanghaft zu versuchen, aus der Identität des Entführers eine „Whodunit“ Schnitzeljagd zu machen, die meist in einem völlig irrsinnig Plottwist á la Shyamalan endet, fordert „The Black Phone“ die Zuschauer auf, sich in die Lage der Kinder hineinzuversetzen, die einfach versuchen, in einer Welt zu überleben, die ihnen diese Aufgabe nicht gerade leicht macht. Der emotionale Kern der Geschichte wird somit bewahrt und fällt keinem halbgaren interaktiven Detektiv-Gimmick zum Opfer, um den Kinobesuchern verzweifelt jegliche Aufmerksamkeit abzuzwingen. Derrickson bleibt dem Ursprungsstoff treu und stellt das in den Mittelpunkt, was wirklich fesselt: Finneys Fluchtversuch.

Doch das Highlight von „The Black Phone“ und der tragende Grund für jegliche Angstschauer ist Ethan Hawke als „The Grabber“. Eine schwierige Aufgabe, da sein Gesicht zu keinem Zeitpunkt ganz zu sehen ist, wodurch sich Hawke auf seine Körpersprache und Stimme verlassen muss – und das tut er mit einem meisterhaften schauspielerischen Können. Vom exzentrischen Entführer mit hoher Stimme, der versucht, das Vertrauen seines Opfers zu erlangen, bis hin zum psychotischen Kindesmörder mit sadistischer Ader durchläuft Hawke das gesamte grässliche Spektrum des Stoffes, aus dem Albträume gemacht sind. Unterstrichen wird seine packende Performance von fantastischer Kameraführung, die den Antagonisten zusammen mit gekonnter Anwendung von Licht in ein Porträt des Bösen verwandelt. Selbstverständlich müssen an dieser Stelle auch die verschiedenen Masken erwähnt werden, die dem „Grabber“ ein fast übernatürliches Aussehen verleihen und von Tom Savini – dem Meister praktischer Effekte in Horrorfilmen – persönlich designt wurden.

Fazit

Scott Derrickson, Robert Cargill und Joe Hill bringen uns als Dream-Team den neuesten Blumhouse-Beitrag – und wir danken ihnen. Egal ob langjähriger Horrorfanatiker oder Fan von psychologischen Thrillern: „The Black Phone“ wird wohl jedem durch Mark und Bein gehen. Eine erfrischende Darstellung der „Kinder in Not“-Story mit realistischen Charakteren, packendem Look und einem Bösewicht, den die Filmwelt so schnell wohl nicht mehr vergessen wird.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

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Bild: UPI