2024 war Kafka-Jahr: Zum hundertsten Todestag gab es eine sechsteilige ARD-Serie, diverse Ausstellungen, Vorträge, extra Feuilleton-Beilagen, den Spielfilm „Die Herrlichkeit des Lebens“ und vieles mehr. Da stellt sich schon die Frage, weshalb Agnieszka Hollands Biopic „Franz K.“, das sich intensiv mit der Person des Schriftstellers beschäftigt, erst in diesem Jahr erscheint. Doch so ist es nun, am 23. Oktober 2025 läuft er, mit Idan Weiss in der Hauptrolle, in den Kinos an. Und vielleicht ist das doch nicht so willkürlich, wie es scheint.
Kritik von Jonas Schilberg
Zunächst ist da ein Pfeifen. Man sieht Schuhe, einen Stuhl. Dann wechselt die Einstellung, es ist zu erkennen, dass gerade der junge Franz Kafka vom Vater Hermann (Peter Kurth) die Haare geschnitten bekommt. Wer nun aber denkt, „Franz K.“ würde chronologisch-linear die Biografie des Schriftstellers runterrattern, der irrt.
Nein, Regisseurin Agnieszka Holland hat sich für eine Dramaturgie entschieden, die zwischen verschiedenen Zeitebenen, teils assoziativ, teils scheinbar zufällig, hin und her wechselt. Mitunter lässt sie sogar den jüngeren mit dem älteren Kafka verschmelzen. Nicht nur das: „Franz K.“ schneidet auch in die Gegenwart, wo Teile des Kafka-Museums in Prag oder Kafka-Führungen gezeigt werden. Die Vergangenheit ist die Gegenwart ist die Zukunft, verrät der Schnitt.
„Franz K.“ bezieht viele Perspektiven ein
Ein roter Faden bleibt, erzählt werden einzelne Etappen des titeltragenden Protagonisten, wie etwa Kafkas Verlobung mit Felice Bauer, von verschiedenen Erzählenden: etwa der Schwester (Katharina Stark), von Freund Max Brod (Sebastian Schwarz) oder dem Vater. Letzterer wird zugegebenermaßen teils zu eindimensional als Choleriker verkörpert, erscheint dann mehr wie ein Abziehbild als eine reale Person.
Protagonist Idan Weiss‘ Schauspiel überzeugt hingegen durch Ambivalenz. Statt die literarischen Werke zu fokussieren, liefert „Franz K.“ vielmehr die dezidierte Auseinandersetzung mit der Person, aber auch – und das ist womöglich noch interessanter – die Auseinandersetzung mit der Auseinandersetzung.
Figuren sprechen mitunter direkt in die Kamera, blicken uns in die Augen, brechen die Vierte Wand. Das kann manchmal unterkühlt wirken, animiert aber, über die Biopic-Ebene hinauszudenken, den Meta-Kommentar zu erfassen. Kafka selbst nähert sich der Film kinematografisch ganz wortwörtlich, indem die Linse häufig an ihm „klebt“, wir mit ihm durch Räume schweben – dies imitiert eine gewisse Kafka-Besessenheit.
Besonders prägnant ist etwa eine Szene, in welcher mehrere Augen durch ein Guckloch zu Kafka reinschauen. Es sind Museumsbesucher – oder vielleicht auch wir Zuschauenden? In anderen Szenen wird er hingegen visuell fragmentiert, wenn er seine Übersetzerin Milena beispielsweise durch eine durchlässige Mauer hindurch anblickt. Kurzum: „Franz K.“ zeigt die Unmöglichkeit und Absurdität versuchter vollständiger Erfassung.
Komplexität versus Konsum
Vom Philosophen Adorno stammt das auf Kafka bezogene Zitat: „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden“. Wie auch Hannah Arendt, Walter Benjamin und weitere hat er sich am Werk des so häufig mystifizierten Autors versucht. Eins zu zehn Millionen beträgt das Verhältnis zwischen Kafkas Büchern und den Büchern, die sich damit auseinandersetzen, heißt es an einer Stelle im Museum. Diese ungeheure Komplexität lässt sich durch das Medium Film nie erschließen, doch aber annähern.
„Franz K.“ ist ein kluger Film, weil er nicht die ohnehin existierenden mannigfachen Interpretationen seiner Texte darstellt, sondern die vielen, vielen Kafkas. Kafkas, die im Angesicht der Komplexität des Individuums bestehen, entstehen, alternativ sind, vergessen werden. Statt sich dem Personenkult anderer Biopics anzuschließen, zeigt Holland: Wir sehen letztlich immer nur Projektionen.

Gebrochen wird dies durch den Schwenk in die Gegenwart: Wo Touristen scharenweise Fotos mit ihren Smartphones machen, ein Guide erklärt, genau hier habe Kafka immer gegessen, während man im Fast-Food-Restaurant steht („Kafka Burger“), da zeigt der Film den Widerspruch zwischen komplexer Person einerseits und reduktionistisch-billiger Rezeption ihrer andererseits.
Es ist erfrischend, dass Holland auf ein Porträt des vermeintlich depressiven, nur vom Vater getriebenen Kafka verzichtet, welches auch die moderne Kafka-Forschung widerlegt. Sie weiß aber zu gut: Zu jenen, die sich Kafka-Matrjoschkas kaufen und für Instagram vor nicht gelesenen Büchern posen, dringt sie mit ihrem Film nicht vor.
Fazit
Letztes Jahr war der Kafka-Kult wieder überall, mit spätkapitalistischen Absurditäten hier und tiefgründigen Diskussionen da. „Franz K.“ greift ebenjene Phänomene auf und reflektiert sie auf unkonventionelle Weise. Insbesondere Kafka-Versierten wird der Film gefallen. Er nähert sich dem Schriftsteller multiperspektivisch und ist zugleich ein selbstreflexiver Kommentar auf den Versuch, das Unergründliche zu ergründen.
Bewertung
(75/100)
„Franz K.“ – ab 23.10.2025 im Kino.
„Franz K.“ – Trailer
Bilder: © Marlene Film Production, X Verleih AG
