In der offiziellen Geschichtsschreibung werden den Betroffenen meist klare (moralische) Positionen zugeschrieben, teils zur Vereinfachung, teils aus historischer Verklärung, umso mehr, wenn es sich um die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust handelt: Die Nazis, das waren unmenschliche Monster, die Juden ihre wehrlosen Opfer. In den allermeisten Fällen stimmt das auch, und diese schwarz-weiß-Dichotomie ist nicht nur zulässig, sondern auch angebracht. Was aber, wenn diese klare Trennung von „gut“ und „böse“ nicht mehr so recht funktionieren mag, wenn das Opfer selbstbestimmt Wege findet, sich zu retten, wenn der Täter – ohnehin immer auch eine komplexe Persönlichkeit mit eigener Biografie – trotz aller Untaten so etwas wie „Menschlichkeit“ offenbart? Diesen durchaus provokanten und für das Publikum fordernden Zugang findet die israelische Regisseurin Maya Sarfaty in ihrem Dokumentarfilm „Liebe war es nie“, der seine Premiere beim Jüdischen Filmfestival in Wien feierte und ab 23.10. regulär im Kino startet.

von Christian Klosz

„Liebe war es nie“ handelt von der unglaublichen und tragischen Liebesgeschichte zwischen der Jüdin Helena Citron, einst Häftling im Konzentrationslager Auschwitz, und dem österreichischen SS-Offizier und Aufseher Franz Wunsch. Es war eine verbotene Beziehung, die das Leben beider täglich in Gefahr brachte, die Helena und ihrer Schwester (und vielen anderen) aber das Überleben sicherte. Rund dreißig Jahre nachdem sich der Lebensweg der beiden am Tor in Auschwitz trennte, sehen sie sich im Wiener Gerichtssaal wieder – Helena als Zeugin, Franz als Angeklagter.

Sarfaty ist mit „Liebe war es nie“ ein ästhetisch anspruchsvoller, spannender, packender und erkenntnisreicher Film gelungen, der ganz vorurteilsfrei erzählt, was war, besser: erzählen lässt, was war, und zwar jene, die damals direkt dabei waren: Nicht nur Helena Citron kommt in älteren Aufnahmen zu Wort, auch ihre Schwester und viele ehemalige (weibliche) Mithäftlinge, die über komplizierte, durchaus divergierende Gefühle berichten. Manche hassten Helena dafür, dass sie sich mit einem Nazi eingelassen hatte. Andere „profitierten“ davon, wenn sich Helena bei Franz Wunsch für sie einsetzte und er für die Freundinnen seiner Geliebten intervenierte oder Vorteile erwirkte. Wieder andere geben zu, gar neidisch gewesen zu sein auf die „schöne Helena“, die so eine bevorzugte Behandlung erhielt, und darauf, dass Wunsch gerade diese und nicht sie selbst gewählt hatte.

Oberflächlich betrachtet ist „Liebe war es nie“ eine unglaubliche Geschichte einer unglaublichen Liebe, die damals nicht sein durfte, auch im Rückblick bemerkenswert erscheint und wohl auch heute noch für viele undenkbar ist. Aber der Film geht viel tiefer: Der Regisseurin geht es um ein vielschichtiges Menschenporträt, das auch den „Bösen“ von damals „gute“ Seiten attestiert. Wunsch wird im Film, aber auch in Erzählungen von Helena und Mitgefangenen als zwar strenger und durchaus gewalttätiger, aber in Momenten auch liebevoller Mensch dargestellt, laut eigenen (Brief-)Aussagen zu Beginn ein Mitläufer, der aber an der Richtigkeit der Nazi-Agenda zu zweifeln begann. Dieser Zugang, dieses hier zugrunde gelegte Menschenbild bemüht sich nicht nur um größtmöglichen Realismus, sondern auch um Aufklärung, ist ein Ansatzpunkt für das Verständnis des „Bösen“: Menschen sind in den wenigsten Fällen „schlecht“ geboren, sondern kommen durch biografische Brüche, verblendende Ideologien dazu, „Schlechtes“ zu tun. Franz Wunsch wurde nicht als Nazi geboren, er wurde dazu (gemacht). Das entlässt ihn in keinster Weise aus seiner Verantwortung als Individuum, bietet aber die Grundlage zum besseren Verständnis der Wirkkraft demagogischer Mechanismen und populistischer Ideologien, die gerade in den letzten Jahren wieder um sich griffen. Die Frage, warum jemand Volksverblendern folgt, kann nur durch ein mehrdimensionales Menschenbild ge- und erklärt werden, und nur diese Erklärung kann die Grundlage sein für Verständnis, den „Weg zurück“, Rehabilitation.

Helena Citron

Doch auch Helena Citron ist eine extrem komplexe Figur mit unterschiedlichen Motiven, die sich ihrer misslichen Lage durchaus bewusst war: Einerseits war sie Gefangene eines KZs und wartete im Grunde nur auf ihren Tod. Gleichzeitig empfand sie ehrliche Liebe für Wunsch, den sie auch ganz anders kennenlernte, nicht als Monster, sondern als Mensch mit Gefühlen, liebevoll, sanft und gutmütig. Sie versuchte, diese Situation auch zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen und half vielen Mitgefangenen, die nur so überleben konnten.

Schließlich ist „Liebe war es nie“ weder eine unpassend romantisierte Liebesgeschichte, noch eine von Betroffenheit triefende Abrechnung, sondern ein ganz und gar ungewöhnliches Porträt einer ganz und gar ungewöhnlichen Geschichte, die das Leben (auch zu den unmöglichsten Zeiten) schrieb: Regisseurin Sarfaty wählt einen völlig eigenständigen Zugang, die Geschichte von Helena Citron so realitätsgetreu und klar wie möglich zu erzählen, und hat den Mut, die unendlichen Ambivalenzen unkommentiert und wertungsfrei stehen zu lassen: Ganz, ganz großes Kino.

Fazit:

Die israelische Oscar-Einreichung 2020 ist zweifelsohne einer der Filme des Jahres: Ungewöhnlich und fordernd, fesselnd und mutig erzählt Maya Sarfaty von einer Liebe, die es nicht geben durfte, und die es dennoch gab. Ein unglaublich vielschichtiger Dokumentarfilm voller Reibung und Ambivalenzen, der sich durch seinen klaren und kompromisslosen Realismus auszeichnet.

Bewertung:

Bewertung: 10 von 10.

(95/100)

Bilder: © Langbein & Partner