Die Liste der deutschen Schauspieler / Schauspielerinnen, die auch den Schritt in die Regie gewagt haben, ist seit diesem Jahr um einen bekannten Namen reicher. Nach Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Karoline Herfurth oder zuletzt auch Mortiz Bleibtreu war es fast nur eine Frage der Zeit, bis der in Berlin und Barcelona ansässige Daniel Brühl sich ebenfalls neuen Herausforderungen stellt und seine Idee, die situativ eher zufällig in einem spanischen Café Gestalt annahm, für die Kinoleinwände verwirklicht.

Das Debüt von Brühl wurde dabei federführend von Schriftsteller Daniel Kehlmann geschrieben, der sich zuvor unter anderem auch für „Ich und Kaminski“ verantwortlich zeigte, in dem wiederum Brühl die Hauptrolle spielte. So arbeitete also ein vertrautes Duo an dem Film, der im Wettbewerb der Berlinale vergangenes Frühjahr seine Weltpremiere feiern durfte. „Nebenan“ ist hierbei jedoch nicht nur eine oberflächliche Komödie, sondern vielmehr eine mit Seitenhieben auf das Filmbusiness, egozentrische Schauspieler, Großstadtgentrifizierung und die immer noch währende Ost-West Debatte gespickte schwarzhumorige Satire, die sich vielfach auch fast als derbe Karikatur zeigt. Da ist es dann auch kein Zufall, dass Daniel Brühl für sein Debüt auch direkt in die Hauptrolle schlüpft.

von Madeleine Eger

Daniel (Daniel Brühl) ist ein aufstrebender Schauspieler, der auch international schon den Absprung geschafft hat. In seinem Loft in Berlin Prenzlauer Berg bereitet er sich für ein internationales Casting vor, das ihm die Möglichkeit eröffnen soll, im Superheldengenre mitzuspielen und das auch zu weiterer internationale Bekanntheit verhelfen könnte. In seiner Vorbereitung gestört, verlässt er fast fluchtartig seine Familie unter dem Vorbehalt des anstehenden Castings in London. Tatsächlich aber verschlägt es ihn noch in seine Stammkneipe „Zur Brust“. Nichtsahnend lernt er dort seinen Nachbarn Bruno (Peter Kurth) kennen, den er anfänglich noch für einen Fan hält, der aber weitaus mehr auf dem Kerbholz hat, als er zunächst vermuten lässt. Daniels letzte Stunden vor dem Flug werden ungeahnt zur wahrlichen Hölle und demontieren sein Hochglanz-Jetsetleben ganz gehörig.

Eine graue, durchstilisierte Katalog-Wohnung mit eigenem Fahrstuhl, thronend über den Alteingesessenen, dennoch isoliert von der Nachbarschaft. Die Wohnung Daniels wirkt schon kurz nach Beginn wie ein kompletter Fremdkörper und gibt zugleich den ersten thematischen Hinweis, womit sich Brühl in „Nebenan“ auseinandersetzten wird. Dabei ist der Protagonist Daniel, deutsch-spanischer Herkunft, ein ambitionierter, selbstverliebter Schauspieler, der sich nahezu unglaubwürdig bodenständig zeigt, eben irgendwie doch noch als einer von „ihnen“ gesehen werden will. Und wenn sich in der urigen Eckkneipe, in der „Nebenan“ nämlich die meiste Zeit spielt, noch das waschechte und ursprüngliche Berlin manifestiert, so kommt die Figur von Daniel charakterlich dort schon nicht mehr an, passt genauso wenig in die holzvertäfelten Räumlichkeiten wie seine Loftwohnung zu den Altbauten des Prenzlauer Bergs. Zu sehr ist er in sein Geschäft vertieft, sich mit Film- und Castingbossen gegenseitig Komplimenten um die Ohren zu werfen und seinen Status, sein Können mit verschiedenen Akzenten in einem unglaublich anbiedernden, sogar fast peinlichen Verhalten zur Schau zu stellen, als sich etwa den Namen der Kneipenbetreiberin zu merken: Um jeden Preis Aufmerksamkeit und Bewunderung, auch wenn an anderer Stelle die Aufdringlichkeit der Fans ihm fast den letzten Nerv raubt. Vieles davon, was innerhalb der Exposition vor sich geht, lassen deutliche Parallelen von Filmfigur Daniel und Schauspieler Daniel Brühl erkennen und machen die persönliche Bezüge und Erlebnisse sichtbar, auf denen Brühls Regiearbeit aufbaut. Dass sich Brühl allerdings nicht unbedingt einen großen Gefallen damit getan hat, seine Hauptfigur auch selbst zu spielen, zeigt sich im weiteren Verlauf leider viel zu oft und gerade wenn es zum verbalen Schlagabtausch mit seinem Gegenüber Peter Kurth kommt auch umso deutlicher. Dieser entwickelt nämlich als verbitterter, gefrusteter, kaltschnäuziger und provozierender Nachbar eine derart starke Präsenz, dass Brühls Figur dem kaum mehr etwas entgegenzusetzten hat und die Arroganz, Selbstgefälligkeit und Gehässigkeit lediglich zu viel heißer Luft verpufft. Innerhalb der Erzählung entsteht deshalb auch kaum das eigentlich so wünschenswerte dynamische Machtgefüge, bei dem sich die Protagonisten den Ball solange zuspielen und das Publikum über weite Strecken im Dunkeln tappt, wer nun schlussendlich die Oberhand gewinnt. Viel zu verkrampft wirkt Brühl, wenn sich Nachbar Bruno beispielsweise an Daniel und dessen Filmographie abwertend abarbeitet. Auch hier reichen die Referenzen von „Good Bye Lenin“ über „Inglorious Basterds“ bis hin zu „Civil War“, wobei der Seitenhieb auf Marvel und seine Praxis, Skripte bis zur Unkenntlichkeit geheimzuhalten, dabei immerhin ein ziemlich gekonnter und amüsanter Schachzug ist.

Nichtsdestotrotz lässt das Kammerspiel oftmals die unangenehme und beklemmende Atmosphäre vermissen, bei der die Spannung und Anspannung der Figuren nur darauf wartet, mit einem lauten Knall aufzubrechen. Viele Themen werden zu oberflächlich angeschnitten, erreichen dadurch nie den erwünschten aussagestarken Effekt und gehen am Ende in einem zuweilen gezwungen verlängertem Streitgespräch einfach unter.

Fazit:

Eine zu gewollt wirkende Diskussion im Zentrum des Films, ein zu verkrampft wirkender Daniel Brühl vor der Kamera, und dabei ein starker Peter Kurth, der verzweifelt einen ebenbürtigen Gegener sucht: „Nebenan“ zeigt sich zwar als satirische Karikatur eines Schauspielers, dennoch verpasst es der Film über weite Strecken, so etwas wie dabei eine angemessene Dynamik zwischen den beiden Protagonisten zu etablieren. Schlussendlich ist Daniel Brühls Regiedebüt am Ende genauso schal wie das Bier, das nach eineinhalb Filmstunden immer noch kaum angetastet auf dem Kneipentresen steht. „Nebenan“ ist seit 15.7. im Kino zu sehen.

Rating:

Bewertung: 4 von 10.

Bild: (c) Warner Pictures