Über Sigmund Freud wurde wohl soviel geschrieben, wie er über die unendlichen Weiten der menschlichen Psyche geschrieben hat: Als Kartograph des menschlichen Unterbewusstseins brachte er erstmals einen bis dahin unentdeckten Kontinent ins kollektive Bewusstsein und legte mit seiner Arbeit den Grundstein für die Psychoanalyse und die meisten Psychotherapieformen. Zu seiner Zeit wurde Freud verkannt und attackiert, seine Schule als „Sekte“ abgestempelt, auch später wurden seine Theorien immer wieder revidiert und einer teils harschen Kritik unterzogen (nicht zuletzt von ihm selbst!) – und dennoch: Die Bedeutung des kauzigen Wieners jüdischer Herkunft ist nicht hoch genug einzuschätzen.

von Christian Klosz

Der Film „Sigmund Freud – Jude ohne Gott“ von Regisseur David Teboul, Teil der Auswahl der „unvollendeten“ Diagonale 2020 und ab 18.9. in den österreichischen Kinos zu sehen, nähert sich dem Phänomen Freud von eher ungewöhnlicher Richtung: Der Dokumentarfilm greift auf Originalbildmaterial der Familie Freud zurück – sowohl Foto-, als auch Filmaufnahmen – die einen sehr intimen Einblick ins Leben des Herrn Doktor bieten. Im Hintergrund, der großteils mit vorgelesenen Passagen befüllt wird, werden biografische Pflöcke eingeschlagen, von der Jugend und Ausbildung bis zur Entwicklung der ersten Theorien, ersten akademischen Auseinandersetzung mit Kollegen (von denen es eine Vielzahl gab) bis hin zu Alter, Flucht vor den Nazis und Krankheit und Tod im fernen London. Der Film greift bei der Erzählung auf Briefe und Notizen von Freud selbst und Kollegen wie Familienangehörigen zurück, um die Geisteswelt des auslaufenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu illustrieren. Auf persönlicher Ebene geht es um Freuds Ringen mit sich selbst und seiner Profession, familiäre Bande und die ständig währende wie erfolglose Suche nach einem „würdigen Erben“, der seine Arbeit weiterführen könne.

Dabei bietet „Sigmund Freud – Jude ohne Gott“ vor allem für Einsteiger eine gute Grundlage, sich mit der Biografie und dem Werk des Erfinders der Psychoanalyse vertraut zu machen. Für Kenner bietet der Film eine Vielzahl interessanter Privataufnahmen und seltener Bilder, stets in schwarz-weiß, aber in bestechender Optik. Was hingegen etwas fehlt, sind vertiefende Einblicke in die bedeutenden Aspekte von Freuds Theorien, was aber vermutlich in diesem Rahmen nicht möglich gewesen war. Überhaupt ist „Jude ohne Gott“ mehr Arthouse-Biopic denn akademische Auseinandersetzung, will mehr durch seine raren Bilder und Anekdoten glänzen denn durch Fachwissen. Das mag für Kenner und Freunde von Freuds Theorien etwas enttäuschend sein, für das interessierte Publikum liegt hier aber jedenfalls ein solides und in seiner Machart einzigartiges Werk vor.

Fazit:

Man mag von Freuds Theorien halten, was man will: Sein immenser Einfluss auf das intellektuelle Leben, auf die Geisteswissenschaften und nicht zuletzt auf die Schulen der Psychotherapie ist unbestreitbar. „Sigmund Freud – Jude ohne Gott“ bietet eine ungewöhnliche, aber schlüssige Einführung ist seine Biografie und sein Werk, indem es vor allem auf rare Privataufnahmen zurückgreift. Was etwas fehlt ist die inhaltliche Vertiefung und eine mögliche Einordnung seines Werks durch seine akademischen „Nachfahren“, ansonsten ein sehenswerter Film.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(74/100)

Tipp: Zur inhaltlichen Vertiefung ist der Film „A Dangerous Method“ (2011) von David Cronenberg zu empfehlen, teilsweise in Wien gedreht, bei dem der Konflikt zwischen Freud und C.G. Jung ausführlich illustriert wird.

Bilder: (c) Filmgarten Filmverleih