Gerade einmal zwei Monate ist es her, dass „Avengers: Endgame“ die Kinokassen weltweit dominierte und einen Rekord nach dem anderen aufstellte, auch wenn es für den nicht inflationsbereinigten Sieg über „Avatar“ als erfolgreichster Film aller Zeiten noch immer nicht ganz gereicht hat. Der neue Spider-Man Film im MCU wird an diesen Erfolg mit Sicherheit nicht heranreichen können, so viel steht fest, aber dankenswerterweise haben die Verantwortlichen einmal mehr verstanden, dass nicht jeder Film des Franchise eine epische Kulmination des gesamten Universums sein muss, sondern auch die kleineren Töne für ebenso viel Vergnügen bei den Zuschauern sorgen können. „Spider-Man: Far from Home“ hat trotz vieler Stärken leider mit einer ganz gravierenden, in diesem Franchise nicht unbekannten Schwäche zu kämpfen. Der Film ist seit 4.7. in unseren Kinos zu sehen.

von Mara Hollenstein- Tirk

Acht Monate sind vergangen, seit jene Menschen wieder aufgetaucht sind, die damals durch Thanos‘ Schnipser vom Erdenrund getilgt wurden, und obwohl das Leben schön langsam wieder eine Art von Normalität annimmt, kämpfen die Zurückgekehrten doch nach wie vor mit den Konsequenzen. Unser freundliche Spinne aus der Nachbarschaft ist da keine Ausnahme, deutlicher als jemals zuvor spürt der junge Peter, wie vergänglich das Leben doch ist – eine Erkenntnis, die ihn so manche Entscheidungen hinterfragen lässt. Soll er als 16-jähriger zum Beispiel tatsächlich andauernd sein Leben aufs Spiel setzen? Kann er den Erwartungen an ihn überhaupt jemals gerecht werden? Wie soll er mit dem Verlust seines Mentors zurechtkommen, dessen Erbe in Ehren halten und gleichzeitig seinen eigenen Weg finden? Viele Fragen, über die man sich Gedanken machen müsste, doch wie das nun einmal so ist bei hormongesteuerten Jugendlichen, wenn eine Klassenfahrt nach Europa vor der Tür steht, wird der seelische Ballast schnell mal in eine dunkle Ecke verbannt und lieber ein Plan geschmiedet, wie man der Angebeteten endlich seine Liebe gestehen wird. Dumm nur, dass just beim ersten Reiseziel eine neue Bedrohung in Form der sogenannten „Elementals“ auf den Plan tritt und Peter viel schneller als gedacht wieder zurück in sein eigentliches Dilemma geworfen wird.

Wie man an der Inhaltsangabe bereits ablesen kann, befasst sich das neueste Abenteuer von Spider-Man, neben der eigentlich etablierten Bedrohung, vor allem mit den inneren Konflikten der Hauptfigur. Diese werden durch Tom Holland so nuanciert und nachvollziehbar dargestellt, dass man als Zuschauer nicht anders kann, als mit dem Jugendlichen mitzufühlen. Der wirkt nach einem so einschneidenden Erlebnis wie jenem, einfach mal fünf Jahre in Luft aufgelöst gewesen zu sein, gänzlich überfordert. Von Anfang an merkt man dem Charakter an, dass die vergangenen Ereignisse ihren Tribut gefordert haben: unsicher, zerrissen und tieftraurig auf der einen Seite, hoffnungsvoll und beinahe besessen von dem Gedanken an eine neue Liebe auf der anderen – also frei nach Goethes „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“. Es ist diese reichhaltige Charakterisierung, gepaart mit dem bekannten Humor, dem hervorragenden Soundtrack, den zahlreichen Easter Eggs und den fabelhaften Schauspielern, die das Herzstück des Films ausmacht.

TOM HOLLAND und SAMUEL L. JACKSON in Sony Pictures‘ SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

Abseits der erwähnten positiven Aspekte weist der Film dann aber doch die ein oder andere kleinere Schwäche auf. Während man über teils forciert wirkende Gags und die eine oder andere Unsauberkeit beim CGI leicht hinwegschauen kann, erlaubt sich Marvel gerade bei einem jener Punkte, den Kritiker des Franchise immer wieder gerne aufbringen, erneut einen Schnitzer: dem Bösewicht, der allerdings aus Spoilergründen für alle jene, die nicht mit den Comics vertraut sind, hier nicht namentlich erwähnt werden soll. Es sei nur so viel verraten: Auch wenn die eigentliche Enthüllung überraschend kommt, bleibt die Motivation für seine Handlungen leider einmal mehr äußerst dünn.

Fazit:

Alles in allem ist „Spider-Man Far from Home“ kein fehlerfreier Film, aber er weiß durch seine stimmige Charakterentwicklung, die hervorragenden schauspielerischen Darbietungen und die teils atemberaubenden visuellen Umsetzungen dennoch zu überzeugen und bildet somit einen passenden Abschluss der dritten Phase des MCU.

Bewertung:

8 von 10 Punkten

PS: Hier ist das Verweilen im Kinositz wirklich sehr zu empfehlen, da sowohl die Mid-, als auch die End-Credit-Scene echte Schocker für das Publikum bereit halten, die sicher in folgenden Filmen noch Thema sein werden.

Bilder: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

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