Im Jahre 2018, als “Spiderman: Into the Spiderverse” erschien, glaubten vermutlich nicht mehr allzu viele Menschen daran, dass Sony noch einmal einen guten “Spiderman”-Film produzieren würde. Der letzte Fehlschlag (“The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro”) lag gerade einmal vier Jahre zurück und das MCU war mit “Infinity War” an seinem Höhepunkt angekommen. Doch all dem zum Trotz stellte sich “Into the Spiderverse” als überraschender Erfolg heraus, überzeugte Fans und Kritiker und heimste sogar den Oscar für den besten animierten Film ein. Nun stellt sich natürlich die altbewährte Frage: “Kann das Sequel mit dem Original mithalten?” Wirkt derselbe Zauber auch ein zweites Mal? “Spiderman: Across the Spiderverse” ist seit 1. Juni im Kino zu sehen und liefert die Antwort auf diese Fragen.

von Lena Wasserburger

Die da lautet: Ja! Aber nochmal ganz von vorne. Wovon handelt “Across the Spiderverse” denn nun eigentlich? Nun, im Sequel treffen wir erneut auf Miles Morales, der allmählich in seine Rolle als Spiderman hineinwächst, wären da nicht die Tatsache, dass er seine Identität nach wie vor vor seinen Eltern geheim halten muss und die Sehnsucht nach seinen Spider-Verse-Freunden, allen voran Gwen Stacy. Als Gwen eines Tages plötzlich wieder in Miles’ Universum auftaucht, wird Miles quer durch das Multiversum katapultiert, wo er auf die “Spider-Society” trifft, ein Team aus verschiedensten Versionen von Spiderman aus den unterschiedlichsten Universen. Deren Mission? Das Multiversum beschützen und es vor dem Kollaps bewahren. Doch als eine unerwartete Bedrohung auftaucht, die weitreichende Konsequenzen für Miles’ Leben und Universum haben könnte, muss er sich gegen die Spider Society behaupten, um seine Familie zu retten.

Vermutlich bräuchte es mehr als nur einige Sätze, um die Handlung des Films wirklich ausführlich zusammenzufassen. Doch etwas zu erklären heißt bis zu einem gewissen Grad auch immer, es zu entzaubern. Ganz zu schweigen davon, dass sich der Plot in “Across the Spiderverse” so häufig überschlägt und im Maximaltempo weiterentwickelt, dass man fast geneigt ist, kurz auf die Pausetaste drücken zu wollen, um auch ja nichts zu verpassen. Denn es gibt kein Bild, das nicht mit Liebe zum Detail gestaltet wurde. Keine Sekunde, in der man die Augen von der Leinwand lösen möchte. Die Optik des ersten Films wurde bereits in den Himmel gelobt, doch das Sequel geht noch weit darüber hinaus. Ein visuelles Feuerwerk, das verschiedenste Kunststile miteinander kombiniert, experimentiert und am Ende doch ein stimmiges Gesamtbild kreiert. Dazu kommt ein packender, atmosphärischer Soundtrack, der stilistisch an den letzten Film anknüpft und doch seine eigene Handschrift hat. An Kreativität ist “Across the Spiderverse” nur schwer zu überbieten. Es wirkt so, als würden Marvel und Sony mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das Publikum zeigen und “Seht ihr? Seht ihr, wie kreativ wir sein können?” rufen, was man als Überheblichkeit bezeichnen könnte, hätten sie nur nicht so verdammt recht damit. “Across the Spiderverse” ist ein Augenschmaus vom Feinsten, bei dem sich beinahe jede Einstellung perfekt als Poster eignen würde.

Genauso wie die Optik ist auch der Dialog frisch und abwechslungsreich. Der Humor ist nicht überzogen oder flach, wie er es in so manch anderen Superheldenfilmen der letzten Jahre war. Vielmehr wirkt er sympathisch und lädt zum Lachen ein, anstatt um Gelächter zu betteln. Es gibt Momente des “Fanservice”, doch diese beschränken sich auf ein angenehmes Minimum und sind nicht aufdringlich. Sympathisch sind auch die Charaktere, die in diesem Film die Gelegenheit bekommen, sich weiterzuentwickeln und zu glänzen. Miles ist zwar nach wie vor der Hauptcharakter, doch “Across the Spiderverse” widmet dennoch einen beachtlichen (und verdienten) Teil der Laufzeit Gwen Stacy, die zusammen mit Miles das Herz einer Geschichte voller Herz darstellt. “Across the Spiderverse” geizt nicht mit emotionalen Momenten. Die Themen Freundschaft, Familie, Liebe und Selbstlosigkeit stehen im Zentrum der Handlung und werden auf eine Weise behandelt, die weder kitschig noch ausgelutscht, sondern ehrlich und nachempfindbar ist. Gleichzeitig wirft der Film auch eine philosophische Frage auf. Es handelt sich dabei um das berühmte “Trolley-Dilemma” ergo: Ist es moralisch vertretbar, eine Person zu opfern, um andere zu retten?

Eine Antwort auf diese Frage erhält das Publikum allerdings nicht. Denn (Achtung: Spoiler!) der Film endet mit einem Cliffhanger und stellt scheinbar nur den Auftakt für das nächste Kapitel der “Spiderverse”-Geschichte dar. Und so frustrierend ein solches Ende auch sein mag, es macht eindeutig Lust auf mehr. Es fällt in punkto Handlung zwar relativ leicht, pingelig zu sein und eventuelle Plotholes und Ungereimtheiten aufzudecken, doch mit solchen muss bei einer “Multiverse”-Story mittlerweile ja fast gerechnet werden.

Fazit

“Spiderman: Across the Spiderverse” ist über zwei Stunden erfrischende und optisch kreative Unterhaltung, die einfach Spaß macht. Um es knapp und ohne große Umschweife zusammenzufassen: Der Film ist das, was das MCU-Multiverse immer sein wollte.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(89/100)

Bild: (c) 2022 CTMG