Bereits seit dem Erscheinen von Iron Man 2 im Jahr 2010 kamen immer wieder Gerüchte über einen Solofilm der ebenso beliebten wie mysteriösen Black Widow auf, doch aus unbekannten Gründen konkretisierten die Masterminds hinter dem Großprojekt MCU (= Marvel Cinematic Universe) nie einen Starttermin und verpassten so die einmalige Gelegenheit, in dieser goldenen Ära der Comicverfilmungen das erste Studio zu sein, welches eine weibliche Protagonistin in den Fokus ihres eigenen Filmes stellt. Hier lief ihnen DC 2017 den Rang ab, als sie dem Publikum „Wonder Woman“ präsentierten. Obwohl die Chance somit eigentlich verstrichen war, war der Trubel dennoch groß, als Marvel ankündigte, dass nun endlich auch das MCU eine waschechte Superheldin-Originstory umfassen sollte – „Captain Marvel“ wurde als Steckenpferd auserkoren, um gegen ihre männlichen Kollegen ins Rennen zu gehen. Ob diese Verfilmung mit den starken Vorreiter mithalten kann oder sich doch eher zu den lahmeren Gäulen des Franchise in den Stall gesellt, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Als Vers (Brie Larson) ihre Ausbildung zur Soldatin bei den Kree endlich erfolgreich abschließen kann, geht für sie ein Traum in Erfüllung. Endlich darf sie mit ihren Kollegen und ihrem Kommandanten in die entlegensten Winkel der Galaxie reisen, um diese vor den bösen Machenschaften der Scrull zu beschützen, jenen Formwandlern, die einen Planeten nach dem anderen infiltrieren. Doch als sie bei ihrer ersten Mission in einen Hinterhalt gerät und von einem Trupp Scrull gefangen genommen wird, kommen unter einer Art Hypnose plötzlich Erinnerungen an ein früheres Leben bei der unter Amnesie leidenden Kriegerin auf. Wie es der Zufall so will, strandet Vers, nach ihrer erfolgreichen Flucht, just auf jenem Planeten, der scheinbar einst ihre Heimat war. Nach dem Zusammentreffen mit einem Agenten der Geheimorganisation S.H.I.E.L.D. namens Nick Fury, der sich ihrer Suche nach den ebenfalls auf der Erde gelandeten Scrull anschließt, nehmen die Dinge ihren Lauf und Vers findet nicht nur zu sich selbst, sondern auch erschreckende Wahrheiten über den Krieg zwischen den Kree und den Scrull heraus.

Trotz einer im Vorfeld losgetretenen Schmutzkampagne aufgrund einer aus dem Zusammenhang gerissenen Aussage der Hauptdarstellerin Brie Larson hegten viele Fans, vor allem auch Verehrer der Comics, große Erwartungen an den Solofilm dieser mächtigen Figur, vor allem nachdem bestätigt worden war, dass der Charakter eine große Rolle in dem kommenden Avengers-Film „Endgame“ spielen würde. Dass der Film dabei in den 90er Jahren angesiedelt sein würde und daher nur wenige Informationen Richtung „Endgame“ liefern würde, störte dabei kaum, immerhin kann man in Captain Marvel das weibliche Pendant von Marvel zu DCs Superman sehen.

Doch genau diese Ähnlichkeit in ein Faktor, der dem Film leider teilweise den Hals bricht. Denn ebenso wie bei Superman, gibt es auch bei Captain Marvel ein kaum von der Hand zu weisendes Problem: das Problem der Übermacht (oder wie es im Englischen gerne genannt wird „overpowered“). Sobald nämlich Figuren, die quasi unsterblich und unverletzlich sind, sich dieser Kräfte in vollem Umfang bewusst werden, sinkt die Spannungskurve eines jeden Kampfes rapide in den Keller, erst recht wenn die Gegner eindeutig unterlegen sind. So wirkt vor allem das letzte Drittel des Films wie eine reine Materialschlacht, ohne wirklichen Höhepunkt.

Dieses kleine Manko könnte allerdings leicht verschmerzbar sein, wenn es das einzige wäre. Doch leider fühlten sich die Verantwortlichen von „Captain Marvel“ im Abspulen aller klassischen Superheldenklischees etwas zu wohl und lassen es dadurch zu deutlich an Kreativität mangeln. So verkommt der Film zwar zu einer unterhaltsamen, aber eben sehr generischen Originstory nach Schema F. Untypisch für Marvel sind die leicht deplatzierten Gags, von denen bei weitem nicht alle zünden; die handlungstechnischen Änderungen im Vergleich zu den Comics, normalerweise eine Paradedisziplin des Studios, wirken weniger wie eine kreative Umgestaltung aufgrund des anderen Mediums, als viel mehr wie eine verpasste Gelegenheit.

Aber natürlich ist nicht alles an dem Film schlecht, beziehungsweise sind selbst die bemängelbaren Elemente nicht wirklich schlecht, sondern eher enttäuschend. Die Chemie zwischen Brie Larson und Samuel L. Jackson, der die beste digitale Verjüngungskur der bisherigen Filmgeschichte spendiert bekommen hat, ist unbestreitbar vorhanden und sorgt für einige lustigste Momente. Die erwähnte Verjüngungskur ist überhaupt nur ein Beispiel für den überaus wertigen, wenn auch stellenweise zu glattpolierten Look der Produktion. Neben dem Look und den Darstellern weiß auch eine ganz besondere Figur der Films auf ungeahnte Weise zu überzeugen: die Katze „Goose“. Während ansonsten nicht alle Witze auf den Punkt sind, bilden die Szenen mit diesem getigerten Kater, der bei weitem nicht so unschuldig ist, wie man meinen würde, einige der absoluten Highlights. An dieser Stelle soll auch der rührende Umgang mit dem Ableben des großen Comicschöpfers Stan Lee und die ihm im Vorspann gewidmete Ehrung besonders erwähnt werden.

Fazit:

Alles in allem ist „Captain Marvel“ mit Sicherheit kein schlechter Film, und speziell Fans des weit verzweigten cineastischen Universums werden sich über viele Referenzpunkte und Easter Eggs freuen. Doch vor allem im Vergleich zu den übrigen Filmen des MCU reiht er sich, aufgrund seiner tonale Unstimmigkeiten, im unteren Drittel des Feldes ein.

PS.: Wie immer heißt es Sitzfleisch beweisen, denn es gibt sowohl eine Mid-Credit-, als auch eine End-Credit-Scene.

Bewertung:

7 von 10 Punkten

von Mara Hollenstein-Tirk

Bilder: c. Disney

Werbeanzeigen