„An impossible couple becomes an inseparable couple“ – Mit dieser Kürzest-Synopsis beschreibt Regisseurin Laura Luchetti ihr Werk „Twin Flower“ und formuliert eine simple Beschreibung für eine komplexe Beziehung.

Anna und Basim scheinen nach außen hin nicht viel gemeinsam zu haben. Eines verbindet die zwei Jugendlichen aber: Sie sind beide auf der Flucht. Am Rande einer sardinischen Landstraße treffen die Teenager aufeinander und werden den Rest des ungewissen Wegs gemeinsam gehen. Basim entfloh seiner Heimat, der Elfenbeinküste. Und Anna? Dies enthüllen erst die regelmäßig gestreuten Flashbacks, die das Bild komplettieren und ein weiteres Bindeglied zwischen den jungen Menschen verfestigen lassen.

Die titelgebende Zwillingsblume bezieht sich auf ein seltenes Naturphänomen und beschreibt zwei Blüten, die aus einem Stängel entwachsen. Wenn auch die vermeintlichen Wurzeln der Protagonisten von Kontinenten getrennt sind, schweißt sie das einende Band eines gemeinsamen Schicksals aneinander und wird im Laufe ihrer Reise immer enger gezogen. Kultureller und sprachlicher Barrieren zum Trotz blicken die jungen Menschen im Wesentlichen auf die gleiche Geschichte zurück: Ihnen wurde gewaltsam die Unschuld geraubt und nun sind sie fest entschlossen und auf bestem Wege, diese wieder zurück zu fordern. Die scheinbar vorprogrammierten Konflikte ob ihrer Differenzen gehen dabei gänzlich von der erwachsenen Außenwelt aus, doch Anna und Basim schirmen die feindlichen Geschütze ab. Es obsiegt eine aufrichtige, bedingungslose Freundschaft.

Die Story baut auf ein Konvolut von Tatsachenberichten, die zu einem kräftigen Strang verdichtet werden. Obgleich des hohen Realitätsgrades entscheidet sich die filmische Umsetzung aber gegen neorealistische Stilmittel und setzt ganz auf klassische Erzählstrategien, subjektive Kameraarbeit, emotionale Filmmusik und kreiert einen cineastischen Sog der Empathie.

„Twin Flower“ ist ein durch und durch italienischer Film.

Die sonnengefluteten Felder der sardinischen Drehorte bescheren ein Gefühl von Weite, Freiheit und Einsamkeit, das wiederum Reminiszenzen zur Gattung Italowestern weckt. Vervollständigt wird die Verwandtschaft mit dem Charakter des Drifters, der hier doppelt vertreten ist und selbst ein überaus markanter, umherschweifender Schurke ist der Geschichte vergönnt.

Die Romantik der Wanderschaft bleibt aber nicht unberührt; kontrastierende Wechsel zwischen Tag und Nacht schildern in aller Härte die sprichwörtlichen Schattenseiten des jugendlichen Vagabundendaseins. Das Übel, das sich tags dezent andeutet, kommt im Dunkel zum Vorschein. Beschauliche Ruinen wechseln flugs die Rolle von abenteuerlicher Unterkunft hin zu Trümmern einer zerstörten Existenz.

Erstaunlich ist vor allem die Tatsache, dass es sich bei beiden Hauptdarstellern um absolute Laien handelt, die hier ihr Schauspieldebüt geben. Kallil Kone, der Basim mimt, kam erst wenige Monate vor Drehbeginn auf einem Flüchtlingsboot in Italien an und teilt die wesentlichsten biografischen Züge mit seiner Rolle. Angesichts durchaus fordernder Szenen beweisen die zwei jungen Leute nicht nur schauspielerisches Talent, sondern auch ungeheuren Mut und emotionale Reife, die sich auf die Wirkung des Endprodukts überträgt. Das dies allerdings kein einfacher Prozess war, lässt sich vermuten und wird von der Regisseurin bestätigt.

Letztlich sprechen diese Fakten klar für den Film, der in jeder Hinsicht alles andere als eine Routinearbeit darstellt.

Fazit:

Das einfühlsame Road Movie balanciert tapfer zwischen Realismus und Optimismus, lässt letzterer Haltung aber doch das Hauptgewicht zukommen. Anna und Basim nehmen uns mit auf ihre Reise und beweisen, dass jugendliche Ideale nicht immer utopische Hirngespinste sind. Visuell bestechendes Motivationskino, das einen die Jugendjahre herbeisehnen lässt.

Rating:

88/100

von Daniel Krunz

Der Film wurde im Rahmen der FrauenFilmTage 2019 gesehen, die in den letzten Tagen in Wien stattfanden.

Bild: © Fandango

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