Fast zwei Dutzend gefälschte Reportagen: In Zeiten, in denen die Sozialen Medien von Deepfakes regelrecht geflutet werden, klingt diese Zahl beinahe lächerlich. Michael Born, Urheber dieser Beiträge, verursachte damit Ende der 1990er einen Medienskandal, der bei genauerer Betrachtung jedoch heute kaum aktueller sein könnte. Der Dokumentarfilm „Born to Fake“ von Erec Brehmer und Benjamin Rost widmet sich differenziert dieser Causa. Ab 28. Mai 2026 ist er im Kino zu sehen.

Kritik von Jonas Schilberg

„Born to Fake“ setzt sich mit „Filmfälscher“ Michael Born auseinander

„Ich erzähl‘ euch jetzt die Wahrheit. Die ganze Wahrheit. Nichts als die Wahrheit“, raunt ein langjähriger Gefährte Borns in die Kamera. Dann sehen wir das Kamerateam, das diesen Satz gerade eingefangen hat. Ein Retake vornimmt. Der soeben noch überzeugend klingende Satz entpuppt sich plötzlich selbst als Performance. Ist er jetzt noch echt oder schon „fake“? Das war nur die erste Pointe in anderthalb Stunden geistreicher Auseinandersetzung.

Michael Born, viele mögen ihn gar nicht mehr kennen, fing als Kriegsreporter im Libanon an – dilettantisch zwar, aber entschlossen. Dort ging er oftmals einen Schritt weiter als seine Kollegen, heißt es in „Born to fake“. So arbeitete er sich zu „dem“ Born hinauf, der schließlich regelmäßig für Stern TV und weitere Sendungen Reportagen produzierte. Reportagen, in denen es mal um Schlepper, Terroristen oder einen deutschen Ku Klux Klan ging. Die Crux: Alle genannten Beispiele und mehr waren inszeniert, gestellt, fake.

Was ist Wahrheit und gibt es sie?

Aber was heißt Fake, Fälschung überhaupt? Wie kommt es dazu? Das sind die Fragen, an denen sich „Born to Fake“ gedankenanregend entlanghangelt. Dabei verfolgt er einen dezidiert diskursiven Ansatz. Denn die interviewten Wegbegleiter Borns widersprechen sich: Gierten die Redaktionen gezielt nach jenen sensationalistischen Fake-Beiträgen? Wie viel wussten sie, wie viel wusste der Moderator von Stern TV, Günther Jauch? Als Zuschauer ertappt man sich, wie man in dieselbe Falle läuft, die der Film demontiert – letztlich denkt man selbst, „die müssen doch was gewusst haben“; baut sich also eine eigene Realität zusammen.

Born, wie uns erzählt wird, ein „liebevoller Mensch“ und „sehr kreativ“, tat im Grunde dasselbe: Er erzeugte eine „fantasievolle, ‚eigene‘ Wahrheit“ – und Zuschauerschaft wie Redaktion mussten ihr glauben, weil sie es glauben wollten. Es ist radikaler Subjektivismus, der sich schließlich in den Protagonisten von „Born to Fake“ selbst widerspiegelt, indem diese sich widersprechen, wie es sich nun konkret zugetragen habe.

Was im TV zählt, ist also hauptsächlich eine gute Story, möglichst kohärent, möglichst spannend – die Kriterien, die wir auch bei Spielfilmen anlegen würden. Wenn es heißt, Süchtige würden seit Neuestem Frösche als Droge nutzen, dann will der Zuschauer das unbedingt glauben, denn das ist einfach zu aufregend. Vergleiche zum sogenannten „Reality TV“, die institutionalisierte Halbwahrheit, drängen sich unweigerlich auf, was bemerkenswert ist, da „Big Brother“ erst Jahre nach Borns Verurteilung in Deutschland Premiere feierte. Heute hingegen wirkt es aktuell, in einer Welt, in der jeder Empfänger Sender ist, von angeblichen „alternativen Fakten“ die Rede ist und der US-Präsident höchstselbst wöchentlich AI-Slop teilt.

born to fake film

Born hinter der Kamera

Wenn das Thema des Falls Michael Born also gelungene Performance ist, ist es klug, jene Theaterinszenierung daraus zu machen, welche der Fall inspirierte und wir in Ansätzen mitverfolgen können. Noch klüger allerdings ist es, diesen Dokumentarfilm zu produzieren – Born mit seinen eigenen Mitteln zu begegnen. Denn die Frage stellt sich dadurch frappierend, inwieweit der Dokumentarfilm selbst Konstruktion und Eingriff ist. Beobachtet man handelnde Menschen mit einer Kamera, ist das dann automatisch Wahrheit? Hat nicht Born genau das gemacht? Menschen gefilmt, die bestimmte Handlungen vollzogen haben – ob diese vorher abgesprochen waren oder nicht, spielt das bei der grundsätzlichen Beurteilung eine Rolle?

Zynisch könnte man durchaus resümieren, dass Born Dokumentarfilmer seiner eigenen Fälschungen war, wenn er die Kamera draufhielt. Ob die Reportagen überhaupt den Bestand einer Fälschung erfüllen, daran reibt sich „Born to fake“. Denn was genau hätte er denn gefälscht, wer ist zuleide gekommen, wurde verleumdet?

Am Ende war Michael Born wohl nicht mehr als ein Symptom. Nach Bekanntwerden seines Skandals recherchierten Medien seine früheren Beiträge nach, um daraus Schlagzeilen zu generieren. „Positiven Sensationalismus“ könnte man das wohlwollend nennen, nüchterner betrachtet verbleibt es aber in ebenjenem sezierten System. Born – er wurde nun selbst zur Story einer unersättlichen Industrie der Schaulust, die ihre Opfer bedingungslos verspeist. Zu seiner Beerdigung erschien lediglich Borns Schwester.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(83/100)

„Born to fake“: Ab 28.5.2026 im Kino.

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Bilder: (c)  Across Nations