Was ist Wahrheit? Wer definiert sie? Wo findet man sie? Evidenzbasierte Wahrheitsannäherungsmodelle haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte als überlegen herausgestellt, doch in den letzten Jahren gerieten sie in die Krise: Auf der einen Seite von einer komplexen, oft unerträglichen Wirklichkeit überforderte Menschen, auf der anderen böswillige Akteure, die das zu ihrem Vorteil auszunutzen versuchen, unter Zuhilfenahme von Maschinen, die es jedem ermöglichen, sich seine eigene Realität zu konstruieren: „Soziale“ Medien. Der Dokumentarfilm „Change my mind“ befasst sich vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs auf eindrückliche Weise mit diesem Phänomen. Er ist derzeit beim DOK.fest in München vor Ort und online zu sehen.

Kritik von Christian Klosz

Die oben erwähnte Gemengelage haben die Putins, Trumps und Co. dieser Welt längst erkennt und damit auch das toxische Potenzial, das sie zu ihrem Vorteil zu nutzen versuchten, teils durchaus erfolgreich: Clever verbreitete Propaganda flutet Facebook, Twitter/X und Co., geduldet oder gefördert durch die digitalen Oligarchen, für die einzig Klicks, also Geld zählen.

Change my mind: Gibt es noch Hoffnung für Wirrköpfe?

Dieser Informationskrieg führte selbst in unseren Breiten zu absurden Auswüchsen: „Erwachte“ AfD-, FPÖ- oder sonstige Jünger plappern über Putins Erzählung von einer „vom Westen gesteuerten“ Ukraine, die außerdem „entnazifiziert“ werden müsse. Dieser Schwachsinn verbreitete sich offenbar auch in Tschechien, denn Regisseur Robin Kvapil machte das Phänomen zum Inhalt seines Dokumentarfilms „Change my mind“.

„Change my mind“ beginnt damit, dass er „mainstream-kritische“ Bürger seiner Heimat – also hauptsächlich Russlandfreunde, Schwurbler, Verschwörungstheoretiker und andere Verrückte – für ein Projekt castet: Mit 3 von ihnen wird er anschließend in die Ukraine reisen, damit sie sich aus nächster Nähe selbst ein Bild machen können, ein Bild eines Krieges, dessen mediale Repräsentation sie grundsätzlich anzweifeln oder zurückweisen. Mit dem „grünfeindlichen“ Landwirt Nikola, der Altkommunistin Petra und dem Zyniker Ivo findet sich seine Reisegruppe zusammen. Alle 3 erhalten Kameras, mit denen sie ihre Eindrücke selbst festhalten können und sollen.

Meinungsfreiheit ja, Hassfreiheit nein: Kommentar

Was die drei eint ist ihr Zweifel an dem Faktum (das sie als „Darstellung“ oder „Meinung“ missverstehen und fehlkategorisieren), dass Russland den Krieg begonnen hat und die Ukraine Opfer ist. Man kann alle möglichen historischen Hintergründe und militärischen Erwägungen ins Treffen führen, am Ende bleibt die Tatsache, dass Putins Russland hier der Aggressor ist.

Das wird den 3 Zweifelsreisenden in „Change my mind“ auch bald klar, als sie mit der Relität in der Ukraine – etwa in Kharkiv – konfrontiert werden: Eine zerbombte, fast menschenleere Stadt, ständiger Luftalarm, Kinder, die in aus U-Bahn-Stationen gebauten Schulen unterrichtet werden, Hinterbliebene, die von ihrem Schicksal berichten, ihre Angehörigen verloren zu haben. Ruinen und Tränen kann man schwer wegleugnen.

Durch Ruinen und Tränen zurück zur Wirklichkeit?

Nikola, Petra und Ivo sehen und hören all das und gehen unterschiedlich damit um: Nikola kann sich am ehesten auf das Gesehene einlassen und verstehen, dass man es hier mit realem, unermesslichen Leid zu tun hat. Petra hingegen versucht oft, Dinge zu rationalisieren, umzudeuten oder anzuzweifeln, obwohl sie direkt vor ihr liegen, manchmal wortwörtlich wie hunderte Leichen in einem Massengrab. Es gibt Momente, wo die Lügen, die ihnen erzählt wurden, die sie sich selbst erzähl(t)en, zu bröckeln beginnen, wo sie bereit sind, sich auf das einzulassen, was ist.

Kvapil lässt „Change my mind“ dennoch recht hoffnungslos enden: Er, der selbst als Mitreisender in seinem Film zu sehen ist, beschließt den Trip mit den Worten, dass „das Böse“ wohl gewinnen werde, er sehe das an seinen 3 Protagonisten, an denen sein Aufklärungsprojekt gescheitert sei. Dieses Schlusswort ist nun seinerseits etwas einseitig und fasst nicht gänzlich akkurat zusammen, was davor zu sehen gewesen war. Das Finale ist zudem so editiert, dass eben dieser Pessimismus auch als fatalistischer Aufschrei und Warnung stehen bleibt.

Und wenngleich man diese Conclusio hinterfragen kann, ist „Change my mind“ ansonsten ein äußerst gelungener und wichtiger Film, ein Beitrag zum Verständnis von Verschwörungstheorien, ihrer Wirkmacht und der psychologischen Prozesse dahinter. Wenn man das Ganze positiver deuten will: Jede Emotion, die die Konfrontation mit verdrängten, unangenehmen Wahrheiten evozieren kann, jeder Zweifel, der bei den selbsternannten „Zweiflern“ aufkommt ist ein kleiner Erfolg. Das gelang Kvapil in und mit seinem Projekt, das er als Film festhielt, zweifelsohne.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

„Change my mind“ wird beim DOK.fest 2026 in München an 4 Spielterminen gezeigt, unter anderem am 14.5. um 17.30 und am 16.5. um 18.30. Außerdem ist der Film online auf der Festivalplattform zu sehen. Weitere Infos & Tickets HIER.

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Bild: (c) DOK.fest München