Eine friedliche Ko-Existenz zwischen Mensch und Natur, ist das heute noch möglich? Wohl kaum, seitdem der moderne Mensch angetreten ist, die Natur zu unterwerfen und ihrer Herr zu werden. Indigene Kulturen, die lange als „primitiv“ betrachtet wurden, wussten da wohl um einiges weiser mit der Natur umzugehen als der sich selbst überschätzende, (post-)industrialisierte Homo Sapiens. Doch die Natur rächt sich: Klimawandel. Die A24-Produktion „Nuisance Bear“, im Mai 2026 beim DOK.fest München zu sehen, handelt von dieser fragilen, brüchigen, krisenhaften Beziehung zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Tier. Im Zentrum des essayistisch angelegten Films steht die Geschichte eines Eisbären, der im Norden Kanadas seine ganz eigene Coming-of-Age-Geschichte durchlebt, erzählt von einem alten Inuit-Einwohner der Kleinstadt Churchill.
Kritik von Christian Klosz
Das Regie-Paar Jack Weisman und Gabriela Osio Vanden inszeniert die Geschichte des jungen „Problembären“ recht kunstvoll bebildert und durch einen stimmigen Soundtrack (von „White Lotus„-Komponist Cristobal Tapia de Veer) ergänzt. Erzählt wird die lose „Handlung“, die das Gerüst dieses Dokumentarfilms bildet, von Mike Tunalaaq Gibbons, einem Inuit, dessen Familie seit Generationen in der kanadischen Provinz Manitoba lebt.
„Nuisance Bear“: Problembär oder Problemmensch?
Die Beziehung zwischen den Inuit und ihrer Umgebung wurde auf mehrfache Weise erschüttert: Mit Ankunft der „weißen Menschen“; so erzählt Gibbons, wurde auch das traditionelle Wissen im Umgang mit den in der Gegend lebenden Eisbären zurückgedrängt. Diese Ko-Existenz war gleichermaßen von gegenseitiger Furcht und gegenseitigem Respekt geprägt gewesen, leben und leben lassen war das Motto. Die Menschen drangen nicht in die Territorien der Eisbären ein, und umgekehrt: „For generations, we lived in a world where we kept our distance from each other.“ Aber: „That world no longer exists.“
Sinnbildlich dafür stehen die dutzenden, riesigen Touristenbusse, die – vollgepackt mit Schaulustigen – durch die Schneelandschaft pflügen, auf der Suche nach Eisbären und tollen Fotos. Es sind Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen, die nicht ungerächt bleiben sollten: Erst drangen die Weißen in die physische Welt der Inuit ein, dann in deren kulturelle und schließlich auch in jene der Eisbären. Nachdem die „natürlichen Grenzen“ aufgehoben wurden, dringen nun die Bären in die menschliche Lebenswelt ein – und gelten dann als „Nuisance Bears“, die gefangen genommen oder getötet werden sollen, weil sie Probleme machen.
Fazit
„Nuisance Bear“ erzählt diese zugleich spezielle wie universelle Geschichte eines verlorenen Gleichgewichts auf immersive, audio-visuell bemerkenswerte Weise: Ein filmisches Porträt der ge- und zerstörten Beziehung zwischen Mensch und Natur, die sich wohl so rasch nicht mehr kitten lassen wird. Ein kunstvolles Plädoyer für gegenseitigen Respekt. Für (den inzwischen verstorbenen) Erzähler Tunalaaq Gibbons, dem der Film gewidmet ist, hat die Fabel einen besonders tragischen Beigeschmack: Denn sein Sohn wurde von einem in Wohngegenden umherirrenden Eisbären getötet. Hätte er ihm sein altes Inuit-Wissen mitteilen können, so Gibbons, wäre er vielleicht noch am Leben.
Bewertung
(76/100)
„Nuisance Bear“ feierte seine Premiere beim Sundance Film Festival 2026, wo er den Dokumentarfilmpreis erhielt. Im Rahmen des DOK.fest war er am 14.5.2026 in München zu sehen. Weitere Infos
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Bild: (c) DOK.fest München/Nuisance Bear
