Am Abend des 12. September 2026 gingen mit der Verleihung der wichtigsten Preise die prestigeträchtigen Internationalen Filmfestspiele von Venedig für dieses Jahr zu Ende. Die Bekanntgabe war dabei ebenso von vielen Kontroversen begleitet wie die elf turbulenten Tage des Festivals. Besonders die Hauptauszeichnung sorgte für Überraschung. Ein Rückblick.

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Von Jonas Schilberg

83. Filmfestival Venedig: „Woman Unknown“ gewinnt Goldenen Löwen

Als sich Scheinwerfer und Kamera auf May el-Toukhy richteten und sie zur Bühne schritt, um die handgeschriebene Dankesrede vorzutragen, wirkte sie sichtlich überwältigt. Galt ihr Historiendrama „Woman Unknown“ (siehe Titelbild) eher als Außenseiter des Wettbewerbs, gewann es neben dem Preis für die beste Schauspielerin zusätzlich den Goldenen Löwen für den besten Film. Dabei war der Film der dänisch-ägyptischen Regisseurin von ganz anderen Debatten überschattet worden. Als einziger Film im Hauptwettbewerb, bei dem alleinig eine Frau Regie geführt hat, hatte sich el-Toukhy („Königin“, 2019) immer wieder für mehr Sichtbarkeit der weiblichen Perspektive im Film stark gemacht und eine breite Geschlechterdebatte entfacht. Als erst achte Frau in der Geschichte der Filmfestspiele gewann sie den Goldenen Löwen.

Ihr Werk ist ein Drama über sexuelle Scham, politische Paranoia und eine dänische Nachkriegsgesellschaft, die Frauen für vermeintliche Kollaboration mit Deutschen stigmatisiert. Die Premiere am 7. September überlagerte eine Panne: Wegen fehlerhafter Untertitel musste der Film nach wenigen Minuten neugestartet werden. Anschließend erhielt er zwar durchaus Anerkennung, als Favorit galt er jedoch ausdrücklich nicht.

Futter für all diejenigen, die behaupten, es sei jetzt mehr eine politische Entscheidung gewesen, eine Frau auszuzeichnen. Dass aber auf Social-Media-Plattformen selbst Menschen die Entscheidung monieren, die den Film nicht gesehen haben, ist wohl symptomatisch für eine Zeit der Reduktion und Polarisierung. Maggie Gyllenhaal, Jury-Vorsitzende, antwortete sarkastisch auf die Frage, wie politisch motiviert die Entscheidung gewesen sei: „I actually didn’t see ‚Woman Unknown‘, I just was like: It’s made by a woman and so, Golden Lion!“

In jedem Fall ist es bemerkenswert, da unkonventionell, dass „Woman Unknown“ neben dem Goldenen Löwen auch den Preis für die beste Schauspielerin einheimste. Laut Regularien ist dies nur dann zulässig, wenn die Jury einstimmig entsprechend votiert. Das siebenköpfige Preisgericht war sich seiner Entscheidung über das Schauspiel von Mathilde Arcel also offenbar sehr sicher. Den Preis für den besten Schauspieler bekam John Malkovich für „Wild Horse Nine“.

Silberne Löwen für Lee Chang-dong und Ilya Khrzhanovsky

In vielen Kritikerspiegeln als Favorit benannt, gewann Lee Chang-dongs („Burning“) „Possible Love“ letztlich „nur“ den Großen Preis der Jury (Silberner Löwe). Als einer der zentralen Filme des Wettbewerbs erzählt das Drama von zwei Ehepaaren aus unterschiedlichen Schichten, die sich im Rahmen von Dreharbeiten näher kennenlernen. Es ist auch Südkoreas Oscarbeitrag 2027. Hierzulande wird „Possible Love“ am 6. November 2026 auf Netflix erscheinen.

Weniger erwartbar war der Silberne Löwe für die beste Regie, der an „DAU“ ging. Das gigantomanische Projekt Ilya Khrzhanovskys (2008-2011 drehte er fast 300 Stunden Material, aus dem nun unter anderem dieser Film montiert wurde) hatte vorab für viel Protest gesorgt: Das ukrainische Außen- und Kulturministerium forderte mehrfach die Ausladung, weil es angebliche Verbindungen zu russischen Oligarchen gebe.

Khrzhanovsky hingegen hatte den Krieg gegen die Ukraine stets lautstark kritisiert und sogar seine russische Staatsbürgerschaft abgelegt. Seine Distanzierung erreichte einen Höhepunkt, als er den Preis in seiner Dankesrede der Ukraine widmete, um der Debatte symbolisch ein Ende zu setzen. Eine Mehrheit der Kritik hatte das Werk sehr positiv aufgenommen. Wann der mehr als drei Stunden dauernde Film im Kino erscheint, ist unklar.

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Nahost und die Verwendung von KI bestimmen die Debatte

Neben der Geschlechterdebatte war es vor allem der Nahostkonflikt, der die Gespräche am Lido di Venezia bestimmte. „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor („No Other Land“) wurde kurzfristig eingeladen und stellte prompt einen neuen Rekord auf: 25 Minuten Standing Ovations – so viel Applaus gab es laut Deadline bei keinem großen Festival je zuvor. Begleitet wurde der Jubel von einem palästinensischen Flaggenmeer.

Im Dokumentarfilm werden anonymisierte Interviews mit 24 israelischen Geheimdienst- und Militär-Mitarbeitern geführt, die angeben, dass es seitens des israelischen Militärs gezielte Tötungen von palästinensischen Zivilisten gebe. Dabei würde auch KI zur Zielbestimmung genutzt. Das Wort NAZA sei ein Euphemismus, der dies verschleiert – es bedeutet so viel wie „Kollateralschaden“ und wird in der Militärsprache genutzt, um die Anzahl von Zivilisten zu beziffern, die bei einem Angriff sterben. Der Film wurde mit dem Spezialpreis der Jury geehrt.

Auch KI spielte eine große Rolle in der diesjährigen Ausgabe; von gänzlich KI-generierten Filmen wie „Be Brave“ bis hin zum partiellen Einsatz in Wettbewerbsfilmen wie „Ink“. Maggie Gyllenhaal berichtete derweil, in ihrem außer Konkurrenz laufenden Werk „Flesh Impact“ versucht zu haben, Marilyn Monroe KI-generiert einzubinden – was allerdings nicht funktioniert hat, sodass sie stattdessen auf Dakota Johnson zurückgriff.

Die aufsehenerregende Vier-Stunden-Doku „Musk“ verwendete KI, um die Stimme des Tech-Milliardärs zu simulieren. Man kann damit durchaus konstatieren, dass Künstliche Intelligenz die Filmwelt endgültig erreicht hat. Spannend wird zu beobachten sein, wie das konventionelle Hollywood-Kino einen Umgang findet. Lorenzo Mieli, Produzent von „Be Brave“, ist übrigens keineswegs begeistert von jener Technologie, die sein Film nutzte: Er fordert schnellstmögliche Regulierung.

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Das Festival-Sujet

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In puncto Flops hat womöglich „Bunker“ die Nase vorn: Regie: Florian Zeller („The Father“), Hauptdarsteller: Penélope Cruz („The Invite“) und Javier Bardem („F1“), im echten Leben miteinander verheiratet – und trotzdem ergibt sich erhebliche negative Resonanz, zumindest bei der Kritik. „Oberflächlich und unbefriedigend“, resümiert etwa Peter Bradshaw für The Guardian. Das Publikum reagierte auffällig wohlgesonnener.

„Bucking Fastard“ kann ebenso wenig dem Prestige gerecht werden, das der Regisseur ausstrahlt: In diesem Falle Werner Herzog („Fitzcarraldo“). Er hatte extra die Cannes-Einladung ausgeschlagen, weil der Film dort im Gegensatz zu Venedig nicht im Hauptwettbewerb gelaufen wäre. Jetzt musste er leer ausgehen und ziemlich gemischte Kritiken hinnehmen, wenngleich das Schauspiel meist gelobt wird. Der gehypte Medienthriller „Primetime“ mit Robert Pattinson bekam zwar positive Resonanz, ging aber ebenfalls leer aus; zudem wurde das Drehbuch mitunter als konstruiert bezeichnet.

Übrig bleibt von diesen anderthalb Wochen damit viel produktive Debatte über Gegenwartsthemen: Frauen im Film, KI, Nahostkonflikt. Es war ein Festival des Zeitgeists – und damit erneutes Zeugnis davon, wie das Medium Film stets seine Gegenwart reflektiert und gleichermaßen gestaltet.

Titelbild: (c) Harald Krichel / WikiPortraits, CC BY-SA 4.0, Link / „Woman Unknown“