Wenn im Spätsommer die Filmwelt gebannt an den Lido di Venezia schaut, bedeutet das eines: Die Filmfestspiele von Venedig beginnen. 2026 vom 2. bis 12. September andauernd, geht eines der wichtigsten Festivals der Welt in die 83. Ausgabe. Auf welche Filme und Entwicklungen sollte man dabei schon vorab sein Augenmerk richten?
Vorschau von Jonas Schilberg
Filmfestival in Venedig zeichnet besten Film mit „Goldenem Löwen“ aus
Maggie Gyllenhaal („The Bride!“) darf als Jurypräsidentin am Ende verkünden, wer mit dem begehrten „Goldenen Löwen“ 2026 prämiert wird. Neu: Der Gewinnerfilm ist seit diesem Jahr automatisch für den Oscar für den besten internationalen Film qualifiziert. Gyllenhaal saß zuvor bereits in Jurys der Berlinale und von Cannes. Aus 20 Filmen des Wettbewerbs wird der Sieger am Ende bestimmt. Darunter ist ein international vielseitiges Programm – aber nur eine deutsche Koproduktion.
Was gilt es, auf dem Schirm zu haben?
Zu den meisterwarteten Filmen zählt unter anderem „Ink“, der den Wettbewerb zudem eröffnen wird. Unter Regie des preisgekrönten Danny Boyle („Slumdog Millionär“), erzählt das auf einem Theaterstück basierende Drama vom Aufstieg des Boulevardblattes „The Sun“ 1969 – eine Art britisches Pendant zur Bild-Zeitung. Hoffnungen auf den Preis, der von 1934-1942 „Coppa Mussolini“ hieß, darf sich auch Martin McDonagh („The Banshees of Inisherin“) machen. Seine schwarze Komödie „Wild Horse Nine“ mit John Malkovich („Burn After Reading“) und Sam Rockwell („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) handelt von CIA-Agenten, die 1973 auf die Osterinsel geschickt werden, kurz bevor in Chile der Militärputsch stattfindet.
Als US-amerikanischer Beitrag sorgte „Primetime“, der ebenfalls in dieser Kategorie zu sehen sein wird, bereits im Vorfeld für Schlagzeilen – innerhalb von zehn Tagen wurde der Trailer 35 Millionen Mal geklickt. Mit Robert Pattinson („Die Odyssee“) besetzt, thematisiert Lance Oppenheim die Entstehung der realen Versteckte-Kamera-Fernsehsendung „To Catch a Predator“ (2004-2007). Dort wurden gezielt pädophile Männer angelockt, zur Rede gestellt und verhaftet. Das Konzept gilt als umstritten; ein Beschuldigter nahm sich etwa das Leben. Bereits am 24. September 2026 kommt das Spielfilmdebüt auch in die deutschen Kinos.
Werner Herzog („Fitzcarraldo“) lehnte eine Teilnahme an den Filmfestspielen in Cannes 2026 ab, als er erfuhr, dass sein neuestes Werk „Bucking Fastard“ dort nicht in der Hauptkategorie laufen sollte. In Venedig hat er nun dieses Privileg, sodass das Drama um zwei unzertrennliche, eineiige Zwillingsschwestern hier Premiere feiert. Penélope Cruz wird derweil in Florian Zellers („The Father“) Thriller „Bunker“ die Leinwand füllen. Außerdem mit Javier Bardem („No Country for Old Men“) und Paul Dano („There Will Be Blood“) besetzt, geht es dort um einen Architekten, der für den Bau eines Überlebensbunkers engagiert wird. Der Beitrag unter deutscher Beteiligung „DAU“ erzählt derweil vom Bau der ersten sowjetischen Atombombe. Regie führte der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky, der sein megalomanisches Mammutprojekt zu einer neuen Filmversion zusammenschnitt.

Weitere Filme und Themen in Venedig
So lässt sich bereits an dieser Stelle konstatieren, dass in Venedig wieder einige Werke laufen, die im Gespräch bleiben werden. Zwar außer Konkurrenz laufend, aber gleichfalls erwähnenswert sind neue Dokumentarfilme von Wim Wenders („Das Geheimnis der Orte“), Luca Guadagnino („Joie de vivre“) und Sophie Fiennes („The Pervert’s Guide to Utopias“). Alex Gibney, der als einer der wichtigsten Dokumentarfilmer der Gegenwart gilt, zeigt mit „Musk“ ein rund vierstündiges Porträt des Tech-Milliardärs. Mit „Eklipse“ und „Oase“ sind zudem zwei österreichische Spielfilme in der Kategorie „Orizzonti“, die sich unkonventionellem und experimentellem Kino widmet.
Wie politisch Kunst und Film ist, bezeugen mehrere andauernde Kontroversen, die das Festival unweigerlich begleiten werden. Ausgerechnet die deutsche Koproduktion „DAU“ weise Verbindungen zu einem russischen Oligarchen und russischen Fördermitteln auf, kritisiert etwa das ukrainische Außen- und Kulturministerium. Der Regisseur russischer Herkunft legte jedoch bereits vor zwei Jahren seine russische Staatsangehörigkeit ab und weist den Vorwurf ebenso wie die Festivalleitung vehement zurück.
Außerdem gab es von der französischen Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux und weiteren Unterstützern des Kollektivs „Venice4Palestine“ Aufrufe, den Nahostkonflikt stärker zu thematisieren. Sie fordern unter anderem, die palästinensische Flagge zu hissen – schließlich befinden sich zwei palästinensische Filme in der Auswahl. Mit „NAZA“ wurde kurzfristig ein Dokumentarfilm in den Wettbewerb aufgenommen, der tatsächlich dezidiert das Massensterben palästinensischer Zivilisten behandeln will und von den oscarprämierten Regisseuren Yuval Abraham and Rachel Szor („No Other Land“) stammt. Venedig bietet zudem mit „Be Brave“ (Francesco Carrozzini) einem KI-generierten Film eine Bühne, wenngleich außer Konkurrenz.
Gebanntes Warten
Zündstoff existiert also; viele sehenswerte Filme hoffentlich ebenfalls. Erreichen uns die Filme hierzulande teils erst in vielen Monaten (oder gar nicht), kann zumindest die Preisverleihung am 12. September verfolgt werden – und zuvor die zahlreichen Schlagzeilen und Reaktionen, die sicher kommen werden.
Ein Rückblick auf und eine Analyse des Festivals folgt nach dessen Ende auf filmpluskritik.com.
Titelbild: Festivalplakat – Fair Use / By https://www.labiennale.org/en/cinema/2026
Textbild: Colleen Sturtevant – Own work, CC BY-SA 4.0, Link – Mattia Carzaniga interviewt George Clooney am Sala Grande am September 02, 2026
