Beinahe auf den Tag genau drei Jahre ist es her, als Christopher Nolans letzter Film „Oppenheimer“ (Kritik) Premiere feierte. Damals hatte sich der Filmemacher mit der Biografie des Erfinders der Atombombe befasst und ein politisches Sittenbild über mehrere zeitliche Ebenen erschaffen. Nun ist Nolan zurück und hat mit „Die Odyssee“ eine ältere Geschichte im Gepäck: Keine geringere Erzählung als die des antiken Dichters Homer über die Irrfahrten des Odysseus bildet die Grundlage für den neuen Film. Lang erwartet und, dem Zeitgeist entsprechend, schon vor Veröffentlichung heiß und unlauter diskutiert, präsentiert Nolan die qualvolle Heimreise des Feldherrn voller Gefahren und Irrungen. Ab 16. Juli 2026 ist „Die Odyssee“ in den Kinos zu sehen.
Kritik von Richard Potrykus
Troja ist gefallen, die Stadt erfolgreich eingenommen. Der sogenannte Trojanische Krieg ist zu Ende und es ist Odysseus‘ (Matt Damon, „Air“) sehnlichster Wunsch, wieder heimzureisen nach Ithaka zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway, „Der Teufel trägt Prada“) und seinem Sohn Telemachos (Tom Holland, „Spider-Man: No way Home“).
Insgesamt sollte seine Reise zehn Jahre dauern, viele Verluste bedeuten und mit zahlreichen übernatürlichen Gefahren einhergehen.
Nicht ganz zehn Jahre, dafür satte drei Stunden dauert „Die Odyssee“ und er verspricht einen sehr interessanten Take auf den Stoff, der nicht das erste Mal verfilmt wird und den allgemein ein Nimbus begleitet, auf den sich viele einigen können: Heldentum.

Nolans „Die Odyssee“: Echtes Holz und echtes Bild
Wie immer, wenn sich Nolan einem Filmprojekt widmet, besteht er nicht nur darauf, auf echtem Film zu drehen, sondern auch jede Szene so realistisch und practical wie irgend möglich auszustatten. Sei es durch den Einsatz eines real funktionierenden Tumblers in „The Dark Knight“, einer bedenklich realistischen Explosion in „Oppenheimer“ oder eben jetzt in Gestalt einer 18 Meter großen Animatronics-Version eines Zyklopen.
Die Liebe Nolans zu Details und realer Umsetzbarkeit sind bekannt und doch schafft es der Regisseur, wieder einen draufzusetzen. Ruderkurse, um ein echtes Schiff über das Mittelmeer manövrieren zu können, und enorme Kraftanstrengungen, um ein hölzernes Pferd über einen Strand zu ziehen, zeugen von der Detailverliebtheit und ermöglichen besonders haptische Bilder.
Es ist bekannt und fester Bestandteil des Marketings, dass „Die Odyssee“ komplett in IMAX gedreht wurde. 70mm breit und mehr als 50mm hoch ist damit jedes Kameranegativ und ermöglicht eine enorm detaillierte Bildwiedergabe. Was damit alles auf die Leinwand projiziert werden kann, bleibt nun der Fantasie jedes einzelnen Menschen überlassen. Für Nolan und den Kameramann Hoyte van Hoytema bedeutet dies, gleichsam weite Strände und intime Nahaufnahmen einzufangen.
Das Kino-Publikum kann die Leinwand förmlich mit den Augen abtasten und die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen genauso intensiv wahrnehmen wie ein zu hissendes Segel.
Ein antiker Stoff modern inszeniert
An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich Nolans Realismus auf die konkrete Umsetzung bezieht und nicht auf die blanke Kopie des schriftlichen Stoffes für ein anderes Medium. Während in Homers Text Götter eindeutig identifiziert werden können und selbige auch in den Filmen um den berühmten Tricktechnikers Ray Harryhausen als real existierende und handelnde Figuren vorkommen, präsentiert sie Nolan stark reduziert und als schwer greifbare Phantome.
Athene (Zendaya, „Dune“) scheint immer wieder mit Odysseus in Kontakt zu treten, doch bereits Zeus, der Göttervater und Urheber allerlei triebhafter Ereignisse in der griechischen Mythologie, hat im Film keine Gestalt und findet vor allem in einem nach ihm benannten Gesetz Erwähnung. Nolans „Odyssee“ präsentiert also ein eher deistisches Weltbild mit theistischen Anklängen. Anders ausgedrückt können die Götter die Welt zwar erschaffen haben, aber sie halten nicht länger alle Fäden in der Hand, und wenn Odysseus‘ Schiff in einen Sturm gerät, dann weil das auf hoher See geschehen kann und nicht, weil der Meeresgott Poseidon Beef mit ihm hat.
Allgemein hat das Übernatürliche stets eine reale Wurzel. Riesen sind keine Fabelwesen, sondern einfach sehr groß, und (halb-)göttliche Figuren erscheinen im Hier und Jetzt verhaftet und erhalten menschliche Motive. Das Göttliche fungiert als Leitlinie und dient als Gewissen und Basis für einen Moralkodex, um ein gemeinschaftliches Leben zu organisieren.
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Matt Damon, die ideale Fehlbesetzung
Wenn man genau hinschaut bzw. sich ganz auf die Heldengeschichten und tollen Abenteuer versteift, ist Matt Damon eine Fehlbesetzung. Er ist mit seinen 178 cm nicht besonders groß, hat trotz des Bartes ein liebevolles Jungengesicht und ist kein aufgepumpter Monsterbezwinger. Odysseus ist von jeher für sein taktisches Gespür bekannt und daher auch der Urheber jener List, bei der ein berühmtes Holzpferd eine wesentliche Rolle spielt.
Nun jedoch irrt er umher, wird immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert und kann sich auf die wenigsten davon vorbereiten. Odysseus hat das Herz stets am rechten Fleck, doch eine heldenhafte Hoheit über die jeweilige Situation oder das heldenhafte Meistern von Herausforderungen ist nichts, was Nolans Interpretation dominiert. Der Filmemacher gibt seiner Hauptfigur Anklänge eines Antihelden und macht ihn greifbar.
In „Die Odyssee“ mimt Damon nicht den Überprotagonisten, dem man wunschdenkend folgt und mit dem und durch den man allerhand Abenteuer erlebt. Er ist eine Identifikationsfigur, in die man sich hineinversetzen kann. Nolans Odysseus kann scheitern und muss es so manches Mal als Erfolg verbuchen, wenn schon die Verluste halbwegs gering ausfallen.
Manche Zuschauer*innen werden Schwierigkeiten mit den Gefahren haben. Sie wirken plötzlich, werden nicht immer eingeführt und sind kaum mehr als Situationen, die in Vergessenheit geraten können in dem Moment, da sie vorbei sind. Es zeigt sich hier, dass Odysseus‘ Reise nicht alleine eine räumliche Irrfahrt ist, bei der er versucht, physisch nach Ithaka zurückzukehren. Es hat etwas Transzendentales und präsentiert die Odyssee auch als einen inneren Prozess.
Fazit
Wie schon zuvor bei „Oppenheimer“ springt Nolan auch in „Die Odyssee“ immer wieder zwischen den Zeiten und Orten hin und her. Durch einen ähnlichen narrativen Aufbau ist es nicht immer leicht, dem Film zu folgen und er kommt auch ein Stück weit sperriger daher als der Vorgänger. Dies bringt ein wenig Unruhe ins filmische Erleben, da es keine fortschreitende klimaktische Steigerung gibt und das Gefühl vermittelt wird, alles geschehe irgendwie gleichzeitig.
„Die Odyssee“ ist monumental und intim zugleich. Dass der Film trotz der epochalen Grundlage kein gigantischer Sandalenfilm ist, mit ebenso gigantischen Schlachten, wird nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Wer allerdings erkennt, dass Nolans Interpretation eine bewusste Übertragung des Stoffes in die Gegenwart ist, die gekonnt antike Bilder mit moderner Betrachtung und Sprache kombiniert, wird sich dem Film gerne hingeben und mehr als eine Kinovorführung besuchen.
Bewertung
(96/100)
„Die Odyssee“: Ab 16.7.2026 im Kino.
Weitere Infos zum Film bei IMDb, Rotten Tomatoes oder OFDb.
Bilder: (c) Universal Studios

Wenn ich mir den wirklich mal antun sollte, dann eher Netflix oder Prime. 😉