Während die Folgen der Corona-Pandemie immer sichtbarer werden, wird die Pandemie selbst immer unsichtbarer: Sogenannte „Aufarbeitungen“ verirren sich nicht selten in eine Diskreditierung längst abgeschaffter Schutzmaßnahmen, während eine tatsächliche Aufarbeitung der Pandemie-Folgen, darunter weltweit über 400 Millionen Long Covid-Betroffene (Stand 2024) und damit verbunden massive Schäden für Wirtschaft und Sozialstaat, gesellschaftlich und politisch verweigert wird. Hinter all dem steht die Frage: Woher kam das Virus, das unsere Leben seit 2020 nachhaltig verändert(e), unsere Gesellschaften erschüttert, Gewissheiten in Frage gestellt hat? Die Dokumentation „Blame“ des Schweizer Filmemachers Christian Frei geht dieser Frage nach, sie ist ab 16.4. im Kino (D) zu sehen.

von Christian Klosz

„Blame“: Film ergründet Ursprung der Corona-Pandemie?

Seit Beginn der Corona-Pandemie gilt der zoonotische Ursprung des Virus als die wahrscheinlichste Erklärung: Auf einem Tiermarkt im chinesischen Wuhan sei Covid-19 von lebenden Tieren auf den Menschen übergesprungen und habe sich von dort aus in die Welt verbreitet. Doch schon früh gab es auch einen anderen Ansatz: SARS-Cov-19 sei bei sogenannten Gain-of-Function-Experimenten im Wuhan Institute of Virology entstanden und dort bei einem Laborunfall freigesetzt worden. Als Verantwortliche wurde die chinesische Forscherin Shi Zhengli ausgemacht.

Diese Darstellung wurde zu Beginn der Corona-Pandemie vor allem von rechten Verschwörungstheoretikern wie Alex Jones verbreitet, der gleich die Exekution der Verantwortlichen forderte. Zu verlockend und einfach war es, „China“ zu blamen, der damalige US-Präsident Trump förderte dieses Framing, indem er wiederholt vom „China-Virus“ sprach. 2025 machten jedoch auch seriösere Berichte, etwa vom deutschen Geheimdienst, die Runde, die die Labor-Hypothese als wahrscheinlich bezeichneten.

Ursprung von Corona: Natur oder Labor?

Die meisten Wissenschaftler widersprachen und widersprechen dieser Theorie jedoch, nicht zuletzt Shi selbst beteuerte schon 2020, dass interne Prüfungen belegen, dass das Virus in der verbreiteten Form in ihrem Labor nicht vorhanden war. Eine von der WHO beauftragte Prüfung im Jahr 2021 kam zum gleichen Ergebnis: Als höchst wahrscheinlich wurde eine zoonotische Übertragung eingeschätzt – zugleich konnte die Labor-These natürlich nicht völlig ausgeschlossen werden.

Der Regisseur Christian Frei traf sich für seinen Film „Blame“ mit Shi Zhengli und ihren Kollegen Linfa Wang aus Singapur und Peter Daszak aus Großbritannien, um sich auf die Spur der Fledermäuse, des Ursprungs von Corona und nicht zuletzt des Ursprungs von Verschwörungstheorien zu machen. Fledermäuse nehmen in der Geschichte einen besonderen Platz ein, da sie durch ihr außerordentlich resilientes Immunsystem ideale Viren-Reservoire in der Natur sind, die Krankheiten in sich tragen und übertragen können, ohne selbst zu erkranken.

Shi, Wang und Daszak, die sich (selbst)ironisch „Bat Pack“ nennen, zeigen sich in „Blame“ weiter davon überzeugt, dass das seit 2020 zirkulierende Corona-Virus natürlichen Ursprungs ist. Und sie liefern dafür nachvollziehbare Argumente und Belege: Zum einen ist es Tatsache, dass in der Natur tausende, bisher unbekannte Viren zirkulieren. Durch das zunehmende Eindringen des Menschen in tierische Lebensbereiche sei es nur eine Frage der Zeit, bis manche dieser Viren auf den Menschen überspringen. Beim ersten SARS-Virus, das sich 2003 in Hong Kong ausbreitete, wurden Fledermäuse nach Forschungen der drei Wissenschaftler 10 Jahre später als ursprünglicher Wirt ausgemacht. Darauf folgten ihre Warnungen: In den nächsten 10 Jahren werde es eine neue Pandemie geben, wenn kein Umdenken stattfinden würde. Sie sollten Recht behalten.

Was verbergen die chinesischen Behörden?

Zum anderen schildert Peter Daszak, bis zu deren Auflösung am 6.1.2025 der nicht unumstrittene Leiter der Organisation EcoHealth Alliance, dass bei der WHO-Untersuchung 2021 die chinesischen Behörden kein Problem damit hatten, den Prüfern Zugang zum virologischen Institut in Wuhan zu verschaffen. Sie wären stets offen und transparent gewesen.

Ganz anders hätte sich das bei der Untersuchung des (da bereits geschlossenen) Tiermarktes in Wuhan dargestellt: Es war der Eindruck entstanden, die Behörden etwas zu verbergen gehabt. Es wurde behauptet, es wären dort keine lebenden Tiere verkauft worden. Später konnte über Abgleich von Fotos belegt werden, dass das sehr wohl der Fall gewesen war.

„Blame“ zeigt aber auch, wie die drei Wissenschaftler immer mehr zur Zielscheibe von Verschwörungstheoretikern und (rechten) Agitatoren wurden, die kein Interesse an einer ernsthaften, fundierten Auseinandersetzung auf Faktenbasis hatten: Das ging so weit, dass Daszak täglich Morddrohungen erhielt und sich nur noch in Begleitung von Securities in der Öffentlichkeit bewegen konnte.

Wissenschaftsfeindlichkeit auf dem Vormarsch

Dieser ganze Irrsinn ist natürlich nur der Eisberg eines breiten, anti-aufklärerischen und wissenschaftsfeindlichen Klimas gerade in westlichen Gesellschaften, das seither mainstreamfähig geworden ist. Geradezu tragikomisch wirkt in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass aus den Laborunfallthesen-Anhängern vom Beginn der Corona-Pandemie, die damals auch den Begriff „Biowaffe“ in den Mund nahmen, spätestens seit 2023 die lautesten und verrücktesten Corona-Leugner wurden: Plötzlich waren nicht mehr die Chinesen die Schuldigen, sondern unsere Regierungen, die uns wegen eines „harmlosen Schnupfens“ einsperrten.

„Blame“ ist ein relevanter Film, da er ein Thema aufgreift, das unsere Gesellschaft in den letzten Jahren erschüttert hat wie kaum etwas anderes – und unsere Gegenwart auf unterschiedliche Weise weiter prägt. Selbst wenn sich die Verbreitung von Covid reduziert hat – die nächste Pandemie steht bereits ante portas. Und unser Umgang mit der Natur, unsere Arroganz und Hybris im Umgang mit den natürlichen Ressourcen und unser Lebensstil garantieren geradezu dafür, wie es Peter Daszak ausdrückt.

Wenn man „Blame“ etwas vorwerfen möchte, dann die Tatsache, dass der Film den Konnex zur Gegenwart und zu maßgeblichen Pandemie-Folgen nicht herzustellen vermag: Corona wird als ein in der Vergangenheit liegendes Phänomen betrachtet. Damit kann man ihm einen Hang zum weit verbreiteten, zum Mainstream gewordenen Pandemie-Revisionismus nicht absprechen. Ein umfängliches Panorama der Problemlage sollte diese Aspekte beinhalten und ein Film, der sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen heftet, sollte sich dessen bewusst sein.

Fazit

„Blame“ ist ein sehenswertes, nicht immer leicht verdauliches, aber umso wichtigeres Plädoyer für Aufklärung, Forschung und Wissenschaft, das durch Zoonosen verursachte Pandemien als eines der Themen unserer Gegenwart und Zukunft ausmacht. Das Werk ist auch filmisch für einen Dokumentarfilm ungewöhnlich kunstvoll umgesetzt, dafür sorgen etwa die Fledermausflüge imitierenden Drohnenaufnahmen und der hervorragende, aus Stücken von Jóhann Jóhannsson („Arrival“, „Mandy“) bestehende Soundtrack, der den Aufnahmen von abgelegenen Fledermaushöhlen geradezu poetische Qualität verleiht.

Für ein kompletteres Panorama-Bild hätte man auch Vertreter der Labor-Hypothese direkt zu Wort kommen lassen können. Und: Eine Einordnung der (medizinischen, politischen, wirtschaftlichen) Pandemie-Folgen fehlt. Trotzdem ist „Blame“ einer der relevantesten Dokumentarfilme des Jahres.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(82/100)

Lektüre-Empfehlung: „Die verdrängte Pandemie“ – Sammelband von Paul Schuberth & Frederic Valin

„Blame“ wurde im Rahmen des DOK.fest München 2025 gesichtet, wo der Film in Münchner Kinos gezeigt wurde und auf der Streaming-Plattform des Festivals online verfügbar war.

Am 16. April 2026 soll „Blame“ regulär im Kino erscheinen. Schon davor (ab Ende Januar) gab es eine Premieren-Tour.

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Bild: (c) DOK.fest München / Blame