Der Regisseur Gerald Igor Hauzenberger präsentiert seinen Dokumentarfilm unter dem Titel „Denn sie wissen, was sie tun“ und meint damit wohl die Protagonisten der „Corona-Demos“. Er begleitet 3 Männer mit der Kamera, die auf die eine oder andere Weise mit den Corona-Protesten assoziiert sind, gut gewählt und in zwei Fällen schwer einzuordnende, komplizierte Charaktere: Numan Mohammad, ein Pakistani, der früher für die Sozialistische Linkspartei kandidiert und 2012, wie er sagt, die Flüchtlingsproteste in Wien mitinitiiert hat und nun gemeinsam mit Maßnahmen-Gegnern auf Demos marschiert; der laut Eigenangabe „lebenslange Grünwähler“ Alexander Ehrlich, der in einer Mischung aus christlicher Esoterik und aufgesetztem „Kampf für die Freiheit“ gegen die Corona-Politik und die Impfung polemisiert. Und der selbsternannte „Journalist mit Haltung“ Michael Bonvalot, der Corona-Kundgebungen mit der Kamera begleitet und für jegliche Proteste „die extreme Rechte“ verantwortlich machen will, eine naive und verkürzte Sicht der Dinge, die allein schon durch die Auswahl/Existenz der beiden anderen Protagonisten und deren Perspektiven widerlegt wird.

von Christian Klosz

In jedem Fall zeigt schon die Wahl der Hauptfiguren dieses Films, wie komplex das Problem Corona(leugnung) ist, dass es keine einfachen Antworten auf die Frage gibt, wie mit diesem Phänomen umgehen.

Dazu muss ergänzt werden: „Denn sie wissen, was sie tun“ wurde 2021 gedreht. Zu diesem Zeitpunkt stand noch die Mehrheit der Bevölkerung in Österreich hinter den Corona-Schutzmaßnahmen, hielt die Pandemie für eine reale, ernstzunehmende Gefahr und diverse Einschränkungen des Alltags aus vielerlei Gründen für sinnvoll – sei es Selbstschutz, Solidarität, Schutz von anderen oder um die Pandemie gemeinsam schneller zu einem Ende zu bringen. Menschen, die Maßnahmen wie Maske, Abstand, Impfung etc. ablehnten, waren eine Minderheit, ca. 1/4 der Bevölkerung (das bestimmt nicht nur aus „Rechtsextremen“ bestand, wenngleich von diesen Gruppierungen vereinnahmt wurde).

Denn sie wissen was sie tun Corona Leugner

Erschrenkend ist, dass viele der damals dort vorgebrachten Thesen, Aussagen und Argumenten inzwischen von einem großen Teil der Bevölkerung geteilt werden und auch die Politik sich zumindest in einzelnen erratischen Eskapaden anschickte, dieser Logik zu folgen („Freedom Day“, „Pandemie vorbei“, „nur eine Grippe“, „keine Lust mehr“).

Über den Film selbst lässt sich sagen, dass er (und sein Regisseur) glaubhaft versucht, die Ansichten und Positionen seiner Protagonisten zu verstehen, immer auch wieder kritische Fragen stellt und logische Widersprüche aufdeckt und hinterfragt. Man bekommt dadurch als Zuschauer zwar nicht unbedingt mehr Verständnis für die teilweise wirren und abstrusen Ansichten, trotzdem werden „die Menschen dahinter“ sichtbar, die eigene, höchst individuelle Motive antreiben. Inwiefern diese Erkenntnis, der Versuch, eine ehemalige Randbewegung zu verstehen, im Frühjahr 2022 noch von Relevanz ist, wo sich Virus-Wurschtigkeit, Maßnahmen-Müdigkeit und Risiko-Relativierung durch weite Teile der Bevölkerung ziehen, bleibt eine ebenfalls nicht zu beantwortende Frage. Jene, die trotz überlasteter Krankenhäuser und medizinischen Personals, trotz täglicher Toter und Warnungen aus Medizin und Wissenschaft die letzten Wochen und Monate damit verbrachten, Partys zu feiern, als gäbe es kein Morgen, haben nicht das Recht, über Coronaleugner auf der Leinwand die Nase zu rümpfen oder diese als „radikales Phänomen“ abzutun, mit dem man nichts zu tun haben wolle. Denn auch sie wissen nicht (mehr), was sie tun.

Fazit:

„Denn sie wissen, was sie tun“ ist ein wichtiges Zeitdokument, das von den Anfängen bis zu den Höhepunkten und Hochzeiten der Anti-Corona-Bewegungen in Österreich erzählt. Der Film macht das aus drei unterschiedlichen Perspektiven, verkörpert durch drei Männer, die die Komplexität des Phänomens sichtbar machen, indem auch die Komplexität der Motivlagen sichtbar wird. Antworten kann jedoch auch dieses Werk keine geben, schon gar nicht für die Gegenwart, und das ist das Bedrückende und der Grund dafür, warum einen das Ganze zwar informiert, fasziniert, fesselt – aber auch irgendwie ratlos zurücklässt. Die Gesellschaft ist bereits daran gescheitert, eine laute Minderheit umzustimmen, aufzuklären oder zu re-integrieren, wie soll das mit einer lustig leugnenden und virtuos verdrängenden Mehrheit gelingen, die den Ist-Zustand nonchalant zur neuen Normalität (ver)klärt?

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

„Denn sie wissen, was sie tun“ lief im Dokumentarfilmprogramm der Diagonale 2022 in Graz.

Ratings zu den Diagonale-Filmen

Bilder: (c) Gerald Igor Hauzenberger