In seinem Spielfilmdebüt “U Are The Universe” erzählt der ukrainische Regisseur Pawlo Ostrikows eine Geschichte, die vom Aufbau her direkter kaum sein könnte: Der Kosmonaut Andriy Melnyk (Wolodymyr Krawtschuk) befindet sich auf einer Weltraummission, als er mit ansehen muss, wie die Erde explodiert. Als letzter lebender Mensch treibt er durch das Weltall und ist zerrissen zwischen dem eigenen Überlebenswillen und dem Bewusstsein über ein baldiges Ende. Eines Tages empfängt er eine Botschaft von der französischen Astronautin Catherine (Schauspiel: Daria Plahtiy, Stimme: Alexia Depicker). Sie befindet sich auf einer Raumstation nahe des Saturn und Andriy beschließt, zu ihr zu reisen.
Kritik von Richard Potrykus
Drehbeginn ist 2022. Im selben Jahr bricht Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine los und so stehen die Dreharbeiten immer wieder vor Hindernissen. Die Finanzierung gerät ins Stocken, Stromausfälle, ausgelöst durch Raketenangriffe, verhindern den Dreh und die Rolle der Catherine muss neu besetzt werden, da sich die Schauspielerin weigert, nach Kiew zu reisen. Zudem kämpft der Hauptdarsteller an der Front und wird nur für die letzten Drehtage freigestellt.
„U Are The Universe“: Retro und futuristisch zugleich
Nach eigenen Angaben hatte der Regisseur einen ersten Drehbuchentwurf bereits 2015 fertiggestellt und sieht den Start des Projekts inklusive erster Pitches bereits im Jahr 2017, doch bei näherer Betrachtung ist “U Are The Universe” nicht losgelöst von den jüngeren Krisen und Konflikten der letzten fünf Jahre zu betrachten; die Covid-Pandemie, der Angriffskrieg auf die Ukraine -beides findet sich im Film wieder. Dabei macht der Film einen interessanten Kniff, der eng mit dem Setdesign zusammenhängt und das Publikum in eine fragende Rolle führt.
“U Are The Universe” spielt in einer Art mittelnahen Zukunft, in der die Raumfahrt wesentlich weiter erschlossen wurde. So lebt die Französin Catherine auf einer Raumstation in der Nähe des Saturn und ist Andriy keine schillernde Persönlichkeit von herausragender Intelligenz und Forscherdrang. Genau genommen ist er eine ziemlich gescheiterte Existenz und arbeitet semi-erfolgreich als interstellarer Müllmann. Es ist seine Aufgabe, Nuklearabfälle auf einen der Monde des Jupiter zu verfrachten.
Dies wirkt anachronistisch und irgendwie falsch. Unweigerlich fragt man sich, ob eine Gesellschaft (eine Welt), die über einen industriellen Einsatz von Raumfahrt verfügt, nicht über fortschrittlichere Methoden der Energiegewinnung verfügen sollte.
Doch der Widerspruch zwischen Raumfahrt und Atomstrom ist nicht der einzige Konflikt dieser Art. Es gibt künstliche Schwerkraft, aber kabelgebundene Kopfhörer, es gibt künstliche Intelligenz, aber veraltete Darstellungen von Daten, es gibt Videotelefonie, aber 8-Bit-Bildschirme. Der gesamte in „U Are The Universe“ repräsentierte technologische Fortschritt steht in einem Spannungsverhältnis mit einem allgegenwärtigen Retro-Chic und führt so zu der Frage, wie es um die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung bestellt ist.

Eine Allegorie auf die Corona-Pandemie
Nach der Zerstörung des Planeten befindet sich Andriy in einer unfreiwilligen Isolation und gleichzeitig in einem Moment des Stillstandes. Das ganze menschliche Wirken wurde von einem auf den anderen Augenblick zum Erliegen gebracht. So war es auch 2020, als die Wirtschaft vieler Länder heruntergefahren und die Bevölkerung dazu aufgerufen wurde, sich und andere durch Social Distancing zu schützen.
In „U Are The Universe“ wird nicht geklärt, weshalb der Planet explodiert, aber es ist davon auszugehen, dass niemand die Katastrophe hatte kommen sehen. Dies ist durchaus mit den Begebenheiten Anfang 2020 vergleichbar, denn auch hier überschlugen sich die Ereignisse und trafen die Menschen unvorbereitet.
Gleichzeitig ist das Thema der Zerstörung allgegenwärtig. Die Gefahr durch umherfliegende Trümmer ist der allgemeinen Sterblichkeit ebenbürtig. Ohne eine lenkende Gesellschaftsordnung und ein gemeinsames Ziel scheint das Ende unausweichlich.
Daran ändert auch die künstliche Intelligenz Maxim nichts. Sie ist an Bord, um Andriy zu assistieren und ihn zu beschützen. Dies ist ihr Auftrag. Dennoch ist es der Mensch Andriy, der auf allerhand Aspekte reagieren muss, um initial nicht zu sterben und im weiteren Verlauf so lange wie möglich zu überleben.
Maxim wurde von Menschen programmiert und Andriy an die Hand gegeben. Über Laufschienen (ein weiterer technologischer Anachronismus) ist die KI integraler Bestandteil des Raumschiffs und damit Andriys neuer Heimat und im übertragenen Sinne kann hier die internationale Staatengemeinschaft vermutet werden, die sich mal mehr mal weniger zielführend dazu äußert, was mit den Menschen in der Ukraine geschehen soll.
Das Raumschiff birgt alles, was den Kosmonauten ausmacht. Auf ihm befindet sich sein Lebensraum, seine Arbeit, seine Kultur. “U Are The Universe” ist mehr als ein Titel. Es ist eine Anrede, die über die Reise zu Catherine hinausgeht und sich auf alles bezieht, was mit Andriy in Beziehung steht, und dies bezieht auch Moral und Sehnsüchte mit ein.
Visuell beeindruckend und hoffnungsvoll
“U Are The Universe” ist ein visuell beeindruckender Film mit hoffnungsvoller Erzählung. Einzig eine Sache stößt immer wieder sauer auf – die Faulheit von Figuren. Diese ist kein Alleinstellungsmerkmal von Ostrikows Werk. Vielmehr ist sie ein weitverbreitetes Problem in der allgemeinen Dramaturgie von Filmen. Immer wieder gibt es Momente, in denen Figuren mit einer Herausforderung konfrontiert werden, auf die sie unbedingt reagieren müssen. Und dann geschieht lange nichts.

Die Figuren zögern oder ignorieren die Herausforderung, sie verschwenden Zeit oder verfallen in Sinnkrisen. Und dann muss auf einmal alles sehr schnell gehen, Stress breitet sich aus und künstliche Verknappung von Dingen und Zeit. Manchmal geht es gut aus, manchmal mündet die Handlung auf die Art in einen halbseidenen Existentialismus, nicht so recht zünden mag. “U Are The Universe” hat viele tolle Momente, doch auch hier gibt es Momente dieser Faulheit und es ist schade, dass die Höhepunkte des Films durch solche narrativen Tricks geschmälert werden.
Fazit
“U Are The Universe” präsentiert sich dem Publikum vielschichtig und vielseitig. Der Film zeichnet ein komplexes (Welt-)Bild und inszeniert seine Figuren liebevoll, gerade in den Momenten, in denen sich auf sich gestellt sind, weil einfach nichts geschieht. Er ist ein Film von Menschen für Menschen und ist daher einem Godzilla-Niveau, abseits der handlungsfreien Monster-Kloppe, nicht unähnlich. “U Are The Universe” gibt dem Publikum die Möglichkeit, real Erlebtes zu verarbeiten und Hoffnung für die Zukunft zu hegen. Gleichzeitig beweist er eindrücklich, dass ein hohes Budget nichts über die Qualität eines Films aussagt und kaum mehr ist als wirtschaftliche Prahlerei.
Bewertung
(74/100)
„U Are The Universe“: Ab 4.9.2025 in ausgewählten Kinos, ab 5.12. auch auf Disc und bereits jetzt als Video-on-Demand verfügbar.
(4.12.2025)
„U Are The Universe“ – Trailer
Bilder: (c) Drop-Out Cinema
