Mit „Eddington“ von Ari Aster („Midsommar“, „Beau is Afraid“) kam im Herbst 2025 die wohl erste, dezidierte filmische Pandemie-Aufarbeitung ins Kino. Immerhin steht im Zentrum der düsteren Satire der Konflikt zwischen einem Maßnahmen befürwortenden Bürgermeister (Pedro Pascal) und seinem ignorant-schwurblerischen Sheriff (Joaquin Phoenix). Leider scheitert „Eddington“ an seinem eigenen Anspruch und seinem zynischen Nihilismus. Ab 20.2.2026 ist der Film als Video-on-Demand auch im Heimkino verfügbar.
Kritik von Christian Klosz
Mai 2020, die Frühphase der Corona-Pandemie, das Wüstenkaff Eddington in New Mexico / USA: Während sich Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal) für die Durchsetzung von Schutzmaßnahmen einsetzt und dabei den Großteil der Bevölkerung seiner Stadt auf seiner Seite weiß, fühlt sich Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) vor allem durch die Maskenpflicht in seiner Freiheit eingeschränkt. Aus Protest pfeift er auf Solidarität – und entschließt sich dazu, selbst als Mayor zu kandidieren.
„Ich kann durch die Maske nicht atmen!“
Währenddessen gerät seine Frau Louise (Emma Stone) über deren Schwurbler-Mama in die Fänge des falschen Propheten Vernon Peak (Austin Butler): Ist er Anfangs nur der ersehnte Erretter aus der scheinbaren Corona-Verschwörung, brennt sie schließlich mit ihm und seinem Kult durch.
Zurück bleibt Joe, der sich nun auch noch mit um sich greifenden Black Lives Matter-Protesten herumschlagen muss, obwohl es in Eddington kaum schwarze Einwohner gibt. Als er sich (vermutlich) auch noch mit Corona infiziert, dreht Joe endgültig durch und richtet ein Blutbad an.
Ari Aster ist einer der wenigen Mainstream-Regisseure bisher, der sich traut, das heikle Thema „Corona-Pandemie“ filmisch zu bearbeiten. Die meisten Filmemacher (und vor allem Studios) machen einen weiten Bogen und dieses kollektive und kollektiv verdrängte Trauma, das aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist, wenngleich die Folgen auf verschiedenen Ebenen immer noch sichtbar sind, wenn man denn genau hinschauen möchte. Allein dafür, dass sich Aster dem Thema widmet, gebührt ihm Lob.

„Eddington“ scheitert an seinem zynischen Nihilismus
Doch leider ist das Ergebnis dieser Konfrontation enttäuschend: Aster beschränkt sich auf die Frühphase der Pandemie, die ersten paar Monate des Jahres 2020. Er fasst „Corona“ vor allem als soziales, kulturelles Problem auf, nicht als medizinisches, wodurch erneut viele Aspekte des Problems unter den Tisch fallen.
Im Laufe von „Eddington“ schwenkt der Fokus vom ursprünglichen Thema auf andere gesellschaftliche Verwerfungen, die – so wird nahegelegt – in gewissem Ausmaß durch die Pandemie getriggert wurden. Doch auch hier bleibt Aster vage, zu vage: Satirische Spitzen legen etwa Kritik an „woker Identitätspolitik“ nahe, die in Ansätzen durchaus berechtigt ist. Der Regisseur und Autor von „Eddington“ formuliert seine Kritik aber nicht aus, wirft sie lediglich in den Raum um sich genau dann, wenn es heikel – oder interessant und substanziell – werden würde aus dem (Wüsten-)Staub zu machen.
Man hat den Eindruck, er weigert sich – wie schon zuvor beim Corona-Thema – klare Aussagen zu treffen, um keine „Seite“ vor den Kopf zu stoßen. Das Publikum soll selbst entscheiden, was es mit all dem macht. In einem Interview zu „Eddington“ sagt Aster auch, dass genau das seine Intention gewesen sei.
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Der Mensch ist schlecht
Angesichts realer autoritärer Entwicklungen in den USA, deren Gesellschaft „Eddington“ karikieren soll, wirkt dieser unentschiedene Nihilismus/Zynismus aber deplatziert. Die Intention Asters mag gewesen sein, Fragen aufzuwerfen, ohne Antworten zu geben, und diese Aufgabe dem Publikum zu überlassen. Nun gut. Doch die einzige Antwort, die man aus dem Gesehenen ziehen kann ist: Der Mensch ist schlecht und die Zivilisation ist dem Untergang geweiht.

An „Eddington“ hingegen ist nicht alles schlecht: Aster ist ein talentierter Filmemacher, der weiß, wie man die Kamera dirigiert. Und Joaquin Phoenix spielt den Protagonisten über weiter Strecken überzeugend, wenn auch vielleicht mit etwas zu großer Sympathie für seine tragische, aber auch idiotische Figur. Insgesamt ist diese seltsam feige „Pandemie-Satire“ aber eine ziemliche Enttäuschung.
Fazit
Wer die Ansicht teilt, dass der Mensch grundsätzlich böse und eh jede Hoffnung verloren ist, wird mit „Eddington“ etwas anfangen können. Für alle anderen ist der Film eine ästhetisch und inszenatorisch gut gemacht Stilübung, die aber absolut nichts zu sagen hat. Eine vertane Chance, die Corona-Pandemie filmisch, intellektuell und popkulturell zu reflektieren. Schade.
Bewertung
(35/100)
„Eddington“ (2025): Ab 20.11.2025 im Kino, ab 20.2.2026 im Heimkino.
Weitere Infos & Bewertungen: IMDb (6.6) | Rotten Tomatoes (68 %)
Bilder: (c) A24 Film / LEONINE
