Nachdem während der Berlinale nicht alle Beiträge und Kritiken machbar waren, gibt es in der ersten Woche danach noch eine Handvoll Artikel, die das Filmfestival Revue passieren lassen. Besonders hinweisen möchten wir auf den russischen Beitrag „Kislota“ („Acid“), der in der Panorama-Sektion zu sehen war: Regisseur Alexandr Gorchilin präsentierte einen der interessantesten und besten Beiträge dieses Jahres, der einerseits durch tadelloses Handwerk besticht (was man nicht allen diesjährigen Beiträgen attestieren kann), andererseits durch eine packende Dramaturgie, die realitätsnah in Szene gesetzt wurde und direkte Einblicke in eine Welt bietet, die uns ansonsten fremd ist: Die der russischen Jugend, die zwischen Moderne und Tradition, zwischen Mangel und Überfluss auf der Suche nach Sinn und Identität ist.

Debütregisseur Gorchilin, selbst erst 26 Jahre alt, zeigt das Porträt einer „verlorenen Generation“, der vor Allem die Väter und männlichen Vorbilder fehlen. Den Protagonisten namens Pete und Sasha geht es an sich nicht schlecht: Vor allem Sasha muss sich um seine finanzielle oder materielle Existenz keine Sorgen machen. Er ist Mitglied einer (oberen) russischen Mittelschicht, wohnt mit Mutter und Großmutter in einem schick eingerichteten Stadt-Apartment.

Pete, sein bester Freund, hat etwas andere Voraussetzungen: Mit seiner Mutter, die sich vom wohlhabenden Vater getrennt hat, lebt er in einem schlechteren Stadtteil in eher ärmlichen Verhältnissen, weshalb er zumeinst bei reichen Freunden übernachtet. Zu seinem Vater hat er seit Jahren keinen Kontakt. Was beide vereint: die Abwesenheit einer männlichen Bezugsperson.

Immer wieder sprechen die Protagonisten selbst darüber: Sasha wirft seiner Mutter vor, ihn verweichlicht zu haben, er sei „wie eine Frau“ erzogen worden, könne sich nicht wehren, habe keine eigene Stimme, nie gelernt, seine Bedürfnisse zu artikulieren. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt.

In einer anderen Szene fragt Pete Sasha, ob der denn wisse, was ihr Problem sei. Er selbst gibt die Antwort: „Unser Problem ist, dass wir keine Probleme haben“. Zwischen Partys, Drogen, Alkohol, Schlägereien und dem Laden des Smartphones ist man auf der Suche nach einem Lebens-Sinn, der sich partout nicht offenbaren will. Die Elterngeneration, die Väter, Großväter, sie alle mussten ums Überleben kämpfen, lernten echten Mangel kennen; die heutige Jugend kennt diese Probleme nicht, sie verzweifelt daran, keine Aufgabe, keine Ziele zu haben.

Es ist ein trostloses Porträt, das Gorchilin zeichnet, erzählerisch jugendhaft ungestüm sowie stilistisch kühl und abgeklärt erwachsen. Die rastlosen und zugleich gelähmten Protagonisten und Protagonistinnen taumeln allesamt am Rande des Abgrunds, der Wahnsinn ist stets nur einen Sprung entfernt. Dennoch lässt „Kislota“ auch Szenen kurz aufflammender Leidenschaften und Gefühle zu, die leise Hoffnung versprechen. Ein starker Debütfilm, eine der Entdeckungen der Berlinale 2019.

Rating:

92/100

von Christian Klosz

weitere Beiträge und Kritiken: Berlinale 2019

Bilder: © Studio SLON / Kislota

Werbeanzeigen