„Synonyms“ feierte im Rahmen der diesjährigen Berlinale, die gestern zu Ende ging, seine Weltpremiere und konnte die Jury, für die dieses Jahr Juliette Binoche die Leitung übernommen hatte, überzeugen – und gewann somit den heiß begehrten goldenen Bären. Der israelische Regisseur Nadav Lapid schuf mit dem Film ein höchst skurriles, unbequemes aber auch sehr unterhaltsames Kinoerlebnis.

Obwohl das Wettbewerbsprogramm der 69. Berlinale, die zugleich die letzte Ausgabe unter der Leitung von Festivaldirektor Dieter Kosslick war, auf überwiegend negative Kritik stieß, blieb Nadav Lapids Film von dieser unberührt. Und das zu Recht. Der Film handelt von einem jungen Mann namens Yoav (Tom Mecier), der nach seinem Militärdienst von Tel Aviv nach Paris flieht. Mit all seinem übrig gebliebenen Hab und Gut quartiert er sich in seiner ersten Nacht abseits der verhassten Heimat in eine leerstehende und bitterkalte Altbauwohnung ein.

Während er morgens im Bad onaniert – Szenen wie diese sind keine Seltenheit –, werden ihm auch die restlichen Sachen gestohlen. Schließlich läuft er nackt durchs ganze Wohnhaus, bis ihm schließlich ein junges Nachbarspärchen die Tür öffnet und ihn ohne zu überlegen mit knallig farbiger Kleidung, einem Handy sowie einem dicken Bündel Geld ausstattet.

Yoav, dessen Figur laut Angaben Lapids autobiografisch angehaucht ist, versucht, in Frankreich Fuß zu fassen und seine Heimat Israel vollends zu vergessen. Die liebevolle Zeichnung ermöglichen es dem Zuschauer, Nähe aufzubauen: Sein französisches Wörterbuch, das er vor allem dazu nutzt, um massenhaft Adjektive für die Verachtung gegenüber seinem Geburtsort zu lernen, sein täglich gleiches selbstgekochtes Abendessen zu insgesamt 1,28 € so wie viele weitere Eigenarten machen Yoav sympathisch.

Trotzdem wird man zugleich auch auf Distanz gehalten und das nicht zuletzt aufgrund des Kameraeinsatzes: Der Protagonist ist zwar in jeder Szene zu sehen, jedoch scheint er nicht immer Mittelpunkt des Geschehens zu sein. So folgt die Kamera – scheinbar fast schon unkontrolliert – zwei ungelösten tanzenden Frauen durch den Raum, bis sie „zufällig“ Yoav findet und ihn von nun an wieder fokussiert. Zudem wechselt die Kamera selbst in einer Einstellung mehrmals zwischen Yoavs subjektivem Blick und der „objektiven“ Beobachtung der Figur. So wirft nicht alleinig Yoavs unkontrollierter Blick, sondern auch der außergewöhnliche Kameraeinsatz im Allgemeinen Fragen auf.

Regisseur Lapid setzt auf unheimlich witzige sowie absurde und auch dramatische Szenen, bei denen dennoch nie der Ernst der Thematik verloren geht. Der Film mag vermutlich nicht für jedermann geeignet sein, sobald man sich allerdings darauf einlässt, ist er ungemein interessant. „Synonyms“ lädt selbst nach dem Kinobesuch noch zur intensiven Auseinandersetzung mit Gesehenem und Gehörten ein, weswegen wir hierzulande auf einen regulären Kinostart hoffen dürfen.

Rating:

83/100

von Elli Leeb

Bilder: © Guy Ferrandis / SBS Films