Für die Filmbranche war 2020 ein Seuchenjahr, im wahrsten Sinne des Wortes: Verschobene und abgesagte Kinostarts, Drehpausen, entfallene Festivals und ganz allgemein eine Perspektivenlosigkeit, die sich manche nur durch Binge-Watching (vermeintlich) schön-streamten. Dass der in Bilder umgewandelte Datenfluss das genuine Kinoerlebnis nicht ersetzen wird können, war Cineasten schon immer bewusst gewesen, spätestens im Frühjahr 2021 wurde das – nach einem halben Jahr (Kino-)Lockdown – auch dem einen oder anderen Mainstreamkino-Gänger klar.

von Christian Klosz

Die Perspektivenlosigkeit setzte sich fort bis in den April, erst vor rund einem Monat war absehbar, dass manche Öffnungsschritte tatsächlich kommen würden – und damit die Möglichkeit für die Film- und Kinobranche, langsam wieder Fahrt aufzunehmen. Das erste, große Festival in Österreich, das die neuen, alten Freiheiten in Form eines Kinofests zelebriert, ist das Crossing Europe in Linz, das jährlich unter Leitung von Christine Dollhofer die interessantesten Filme des europäischen Kinos auf die Leinwand bringt. Ebenso wie seine Schwester, die Diagonale, musste das Filmfestival 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden, heuer ging es sich haarscharf aus mit der Planung, die Öffnungen kamen gerade rechtzeitig, um es in physischer Form stattfinden zu lassen.

Als zentraler Eröffnungsfilm fungierte Maria Schraders Roboter-Romanze „Ich bin dein Mensch“ (zu sehen noch einmal am 6.6. um 17:15), den wir bereits im Rahmen der Berlinale 21 sehen konnten, wo er am Wettbewerb teilnahm und uns durchaus überzeugen konnte (hier geht’s zu Kritik). In der Reihe „European Panorama Fiction“ finden sich außerdem Visar Morinas Erfolgsfilm „Exil“ (Kritik), das hochkarätig besetzte (Matt Dillon, Eva Green, Sandra Hüller) Drama „Proxima“ und das spannende Psycho-Drama „Eden“.

In der dokumentarischen Panorama-Schiene läuft unter anderem der rumänische Oscar-Beitrag „Colectiv“, das Polit-Porträt „Gorbachev. Heaven“ über den letzten sowjetischen Präsidenten und „Hinter den Schlagzeilen“, der die beiden SZ-Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer, die unter anderem die Ibiza-Affäre ins Rollen gebracht hatten, bei ihrer Arbeit begleitet.

Zu den spannendsten Beiträgen des Dokumentarfilm-Wettbewerbs zählen „Courage“, „Garagenvolk“, „Puntascara“ oder „Die Wächterin“. Im Spielfilm-Wettbewerb konkurrieren gegeneinander u.a. das georgische Drama „Dasatskisi“, der skurril klingende Film „Apples“ von Christos Nikou, ehemaliger Regieassistent von Yorgos Lanthimos, oder die gelungene Nouvelle Vague-Hommage „Le monde après nous“, die ebenfalls bereits auf der Berlinale 21 zu sehen war.

Und in der in Kooperation mit dem Slash-Festival und von Markus Keuschnigg kuratierten Reihe „Nachtsicht“ läuft unter anderem Quentin Dupieux‚ neuester Wahnsinn „Mandibules“ um eine abgerichtete Riesenfliege, die ihren beiden „Herrchen“ zum großen Geld verhelfen soll.

Das Crossing Europe findet seit 1.6. und noch bis inklusive 6.6. in Linz an 4 Spielorten statt. Neben begrenzter Sitzplatzzahl sorgen Maskenpflicht (auch am Platz) und Einhaltung der „3G-Regel“ (getestet, geimpft, genesen) für Sicherheit im Kontext der Corona-Gefahr. Wenngleich für viele nervige Einschränkungen, sollte einem fröhlichen und ergiebigen Filmfest nichts im Wege stehen, das hoffentlich auch ein Comeback des Kino as we knew it einläuten kann.

Wir berichten in den kommenden 3 Tagen live vom Festival.

Weitere Infos zum Programm finden sich HIER auf der Homepage des Crossing Europe.

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Textbild 1: © Filmladen