Was wurde schon alles über Alex Garlands neuen Film geschrieben: Bereits vor der Veröffentlichung, wie auch nun, danach, und unter anderem auch hier. Selten hat ein Kinofilm der jüngeren Vergangenheit, der nicht im Kino lief, für so viel Gesprächsstoff gesorgt wie „Annihilation“ (vielleicht „mother!“ letztes Jahr ausgenommen).

Mich erinnerte das Sehen des Film gleich zweifach an Martin Scorsese: Einerseits an seinen bemerkenswerten Gastbeitrag Ende letzten Jahres in einem amerikanischen Branchenblatt, in dem er sinngemäß meinte, Filme, wirklich gute Filme seien gar nicht dazu gemacht, das Publikum (und auch nicht die Kritiker) immediately zu begeistern; gute Filme, Meisterwerke, bräuchten – wie guter Wein – Zeit. Zeit zu reifen, Zeit zu atmen, Zeit zu wachsen: Oft ist der wahre Wert der Kunst erst spät erkennbar.

Die zweite Scorsese-Verbindung war eine filmische: Das langsame Tempo, die zähe, sperrige Erzählweise erinnerte mich stark an „Silence“ – obwohl hier, in „Annihilation“, etwas erträglicher als dort. Positiv aber beide Male: Ebenso wie Scorsese setzt Garland seinem Publikum schwere, träge Kost vor, die sich erfrischend vom im Hollywood-Mainstreamkino vorherrschenden Bombast und Effektexzess abhebt. Nicht jedermanns Sache, aber wichtig und richtig.

Buch zum Film:

Auch Kubrick ging mir durch den Kopf. Ein Vergleich mit seinem Über-Film „2001“ ist zwar gewagt, aber dennoch legitim: Beides kryptische Stoffe, die sich einer endgültigen Interpretation verweigern. Das langsame Tempo, die Erzählweise ist einer weitere Parallele. Und eine dritte: Die Rezeption. „2001“ war nach dem Release 1968 noch nicht das Meisterwerk, als das es heute gilt. Ein weiterer Beweise für Scorseses anfangs zitierte These.

Was heißt das nun alles für „Annihilation“? Das man 1. froh sein kann, dass der Film nicht umgeschnitten wurde, dass er 2. in dieser Form überhaupt veröffentlicht wurde – egal wie und wo – und dass 3. diejenigen, die dem Film „Langeweile“ unterstellen, nicht verstanden haben, worum es hier geht: In Zeiten größtmöglicher permanenter Reizüberflutung auf allen Kanälen ist die wahre Kunst des Filmemachens, den Zuseher zur Ruhe zu zwingen – Provokation durch Entschleunigung. Daneben ist „Annihilation“ ein wirklich großartiger Film mit bemerkenswerten Bildern, von innovativer Machart und mit einem genialen Finale, dessen unerwartet sinnliche Wirkung noch lange im Betrachter nachhallt.

von Christian Klosz

 

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