Derzeit, seit dem 13.4. und noch bis zum 22.4., findet in Wien (und auch in anderen österreichischen Städten) das Let´s CEE – Filmfestival statt. In der bereits sechsten Ausgabe widmet man sich abermals vor allem dem Kino Zentral- und Osteuropas (daher der Titel CEE – central and eastern Europe).


Bereits am Sonntag war der bosnische Spiefilm „Men don´t cry“ von Alen Drljevic zu sehen. In semi-dokumentarischem Stil widmet er sich der Frage: „Wie (über-)leben nach dem Krieg?“.

Eine Gruppe von Kriegsveteranen aus Ex-Jugoslawien trifft sich in einem leerstehenden Hotelkomplex, um sich unter der Aufsicht eines Therapeuten mit ihren Kriegstraumata zu konfrontieren. Ziel des Experiments: Die Teilnehmer unterschiedlicher Ethnien sollen Verständnis für die ehemaligen „Feinde“ entwickeln, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, und so eine Möglichkeit finden, diese ruhen zu lassen.

Doch schon nach kurzer Zeit brechen die alten Resentements wieder hervor: Während einige der Teilnehmer durchaus auch Verfehlungen auf der „eigenen“ Seite zugeben, beharren andere auf der Richtigkeit ihrer Sicht – und der Versuch einer „kollektiven Heilung“ droht mehrfach zu kippen…

Regisseur Drljevic inszeniert „Men don`t cry“ als Kammerspiel: Am intensivsten sind jene Szenen, die die Schauspieler, die im übrigen allesamt sehr gute Leistungen abliefern, in den Therapiesitzungen zeigen, wie sie mit sich, ihrer Vergangenheit, dem Krieg hadern, und nach einem Ende jenes Leids suchen, das 20 Jahre später in ihnen immer noch weiterlebt. Schwere Kost, durchaus politisch kontrovers, vor Allem aber bewegend und emotional fordernd insofern, als das persönliche Leid der Protagonisten für die Zuseher wirklich spürbar wird. Ein wichtiger filmischer Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte Ex-Jugoslawiens, ein wichtiger Film, der die (kollektiven) Folgen und die (subjektiven) Opfer des Kriegs sichtbar macht.

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Gestern Abend, am Dienstag, war der bulgarische Beitrag „Directions“ von Stephan Komandarev zu sehen, der bereits 2017 im Wettbewerb von Cannes vertreten war.

Der episodenhaft aufgebaute Film folgt mehreren Taxifahrern in der bulgarischen Hauptstadt Sofia auf ihren nächtlichen Touren, und zeichnet so das Portrait einer Stadt und seiner Menschen, die die Hoffnung verloren zu haben scheinen.

Obwohl Spielfilm, basieren die meisten Geschichten laut Regisseur auf wahren Begebenheiten: Kleinere und größere Streitereien mit Fahrgästen, ein Selbstmordversuch, Gewalt bis zur handfesten Schlägerei, und ein Mord: Soweit reichen die fast dokumentarisch gefilmten Szenen aus dem „bulgarischen Alltag“. Regisseur Komandarev zeichnet ein düsteres, tristes Bild seiner Heimat, dessen Hoffnungen nach dem Ende des Kommunismus sich auch durch die Orientierung an der EU nicht erfüllt zu haben scheinen. Die, die es sich leisten können, haben das Land längst verlassen; die, die noch dort sind, versuchen, zu überleben – oft trotz guter Ausbildung und trotz ehrlichen Bemühens.

„Directions“ ist ein bedrückender Film, der wenig Positives bietet. Das einzige, das die hoffnungslose Stimmung bisweilen etwas bricht, ist der (schwarze) Humor eines Taxifahrers, der so seine Überlebensstrategie gefunden zu haben scheint. Die grundlegende Frage des Film: Wann haben die Menschen aufgehört, sich füreinander zu interessieren – When did we lose directions? Antwort auf die Frage, wie menschliches Zusammenleben (wieder) funktionieren könnte, gibt „Directions“ keine.

von Christian Klosz 

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