Als Rose mit ihren 4 Kindern in das Haus zurückkehrt, in dem sie einst ihre Kindheit verlebt hat, wird schnell deutlich, dass dieser Umzug nicht auf freiwilliger Basis stattgefunden hat: Die Familiengeschichte birgt ein dunkles Geheimnis. Rose selber leidet so sehr darunter, dass sie zeitnah verstirbt. Am Sterbebett der Mutter schwören sich die Kinder, immer füreinander zu sorgen und sich niemals auseinander bringen zu lassen. Als plötzlich ein unbekannter Besucher auftaucht, müssen sie jedoch feststellen, dass die Einhaltung dieses Schwurs schwerer ist, als sie gedacht hatten.


„Marrowbone“ (im Original „The Secret of Marrowbone“) ist das Regiedebüt von Sergio G. Sánchez, der 2007 das Drehbuch für „Das Waisenhaus“ schrieb und Genrefans spätestens seit diesem Zeitpunkt ein Begriff war. Sein Regie-Erstling feierte im September 2017 beim Internationalen Film Festival in Toronto seine Weltpremiere und war rund einen Monat später landesweit in den spanischen Kinos zu sehen. Ein deutscher Starttermin für den Psychothriller mit Horrorelementen ist bislang noch nicht bekannt.

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Wer einen Blick auf die Inhaltsangabe des Werkes wirft, wird möglicherweise konstatieren, dass diese zuerst nicht vermuten lässt, dass „Marrowbone“ eine absolute Perle in seinem Genre ist. Sánchez kreiert vor allem in der ersten Hälfte wundervolle Bilder und nimmt sich genügend Zeit seine Charaktere vorzustellen und Ihnen Tiefe zu verleihen. Mit Hilfe von beeindruckenden Einstellungen sorgt er immer wieder für einprägsame Momente, vergisst aber gleichzeitig auch nicht, die Handlung voranzutreiben. Das verhältnismäßig geringe Budget ist dem Film überhaupt nicht anzumerken, was insbesondere auch an der fantastischen Leistung des gesamten Casts liegt. Mit Anya Taylor-Joy („The VVitch“, „Split“), Mia Goth („A cure for wellness“, „Nymphomaniac“) und Charlie Heaton („Stranger Things“) finden sich gleich mehrere bekannte Gesichter wieder, die allesamt groß aufspielen und ihren Status als aufstrebende Jungstars eindrucksvoll untermauern.

Während seiner Laufzeit von 110 Minuten erlebt der Film einige Stimmungswechsel, was einerseits dazu beiträgt, dass keine Langeweile aufkommt und am Ende sogar dafür sorgt, dass der Zuschauer mittels eines wahnsinnig gut getimten Twists plötzlich in ein komplett anderes Genre geworfen wird. Einigen wird Sánchez mit der Auflösung vor den Kopf stoßen oder zumindest für ein Maß an Ratlosigkeit sorgen; der Großteil wird aber dankbar sein, dass „Marrowbone“ kein gewöhnlicher Genrevertreter ist und sich so gekonnt von der breiten Masse abhebt.

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Obwohl sich der Film grob der Horrorsektion zuordnen lässt, wird auf den inflationären Einsatz von Jump-Scares nahezu komplett verzichtet. Der Fokus liegt viel mehr auf einer dichten Atmosphäre, die allein das dunkle und abgelegene Haus der Familie mit sich bringt. Die liebevolle und authentische Charakterzeichnung trägt dazu bei, dass Zuschauer und Figuren zarte Bande knüpfen und eine Bindung entsteht, die jegliche Stimmung auch direkt ins Publikum transportiert. Musikalisch setzt der Film eher auf ruhigere, untermalende Töne. Nur selten wird die Musik wirklich dominant und lässt der visuellen Eindruckskraft in weiten Teilen den Vortritt.

Fazit: „Marrowbone“ ist einer dieser Filme geworden, die auch nach der Sichtung nachhaltig beeindrucken. Abseits der genrekonformen Kost bietet das Werk eine tiefgründige Story, liebenswerte, realistische Charaktere und ein Ende, dass wohl nur hartgesottene Filmliebhaber kalt lässt. Eine nahezu perfekte Symbiose aus Spannung, Tiefgang und Individualität machen „Marrowbone“ zu einem besonderen Werk, das jedem ans Herz gelegt werden kann, der sich auch nur ansatzweise vom Trailer und/oder der Kritik angesprochen fühlt.

von Cliff Brockerhoff

Bewertung: 9 von 10 Punkten 

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