Als der Kriegsveteran Joe eines Tages den Auftrag bekommt die Tochter eines hochrangigen Politikers aus den Fängen ihrer Entführer zu befreien, muss er schnell feststellen, dass er in ein Geflecht aus Gewalt, Korruption und Macht geraten ist. Schnell versinkt er in diesem Konstrukt, das auch vor seinem eigenen Leben nicht Halt macht. Aber nicht nur die Gegenwart bereitet Joe Probleme; auch seine eigene Vergangenheit lässt ihn nicht los.

„A beautiful day“, der im Original den Titel „You were never really here“ trägt, hat eine Laufzeit von knapp 90 Minuten und ist der neue Film der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay, die neben ihrer Regiearbeit auch das Drehbuch schrieb. Die Romanadaption feierte im Mai 2017 bei den Filmfestspielen in Cannes seine Premiere und erhielt nach dem Screening eine siebenminütige Ovation. Seit dem 27. April ist der Film nun offiziell auch in Österreichs Kinos zu sehen.

Auch wenn es heutzutage wieder immer mehr Filme gibt, die sich abseits des Gängigen bewegen, schaffen es am Ende doch nur wenige, nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Vieles hat der geneigte Zuschauer einfach dann doch schon irgendwo anders gesehen, und oft folgt auf den „Aha-Effekt“ die große Ernüchterung. Bei „A beautiful day“, der irgendwo zwischen „John Wick“ und „Drive“ agiert, wird schon nach wenigen Sekunden klar, dass die Grenzen des bisher Gesehenen ausgereizt und teilweise auch übertroffen werden. Der Reihe nach:

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Schauspielerisch mag es wohl niemanden überraschen, dass Joaquin Phoenix eine absolut fantastische Performance auf die Leinwand bringt. Der Mann ist einfach ein Meister seines Faches und versteht es wie kaum ein Zweiter, sein Schauspiel auf die ihm gegebenen Rollen auszurichten. Mit nur wenigen Dialogen ausgestattet, überzeugt Phoenix allein durch Körpersprache und Minenspiel, und wirkt in jeder einzelnen Sekunden authentisch und nahezu unterfordert. Grimmig, brutal, gefährlich; die Wahl des Protagonisten hätte nicht besser sein können. So verwundert es auch nicht, dass sämtliche Nebencharaktere fast nicht auffallen. Es ist eine One-man-show, die Phoenix vermutlich (und hoffentlich) wieder in Oscar-Reichweite bringen wird.

Anders als bei der Wahl ihres Hauptdarstellers wählt Lynne Ramsay bei der Inszenierung einen sehr gewagten Weg. Wilde Schnitte, die in weiten Teilen fast schon abgehackt wirken, erschweren dem Zuschauer den Zugang. Keine Einstellung oder Kamerafahrt dauert länger als ein paar Sekunden, sodass ein ständiger Stressfaktor auf das Publikum übertragen wird. In Addition dazu säumen immer wieder eingestreute und diffuse Flashbacks den Weg, die das Verhalten von Joe nachvollziehbar machen, trotzdem aber eher vage bleiben und so letztlich Spielraum für Interpretation lassen. Auch bei der Gewaltdarstellung schwankt Ramsay immer wieder zwischen einer sehr direkten, und einer nur angedeuteten Verbildlichung, sodass der Film nicht Gefahr läuft, zu einem blutigen Schocker zu mutieren. Dafür hat das Werk einfach auch zu viel Tiefe, und bietet immer wieder wunderschön eingefangene Momente, bei denen einer ganz besonders hervorsticht und mit zum Besten gehört, was in den letzten Jahren auf der Kinoleinwand zu sehen war.

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Untermalt wird das Gezeigte vom Soundtrack von Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood, der zuletzt für die Akustik in „Phantom Thread“ verantwortlich war. Passend zu den tendenziell hektischen Cuts, setzt auch der Soundtrack auf einen Mix aus verstörenden Klängen und treibenden, hypnotischen Melodien. Dem ein oder anderen könnte das möglicherweise an den Nerven zerren, und das ist auch genau so beabsichtigt.

Fazit: Kompromisslos, brutal, anders. „A beautiful day“ ist ein Film geworden, der auch noch lange nach der Sichtung nachwirkt. Ramsay schafft es, ein kurzweiliges Werk zu kreieren, das komplett losgelöst von sämtlichen Konventionen agiert, und es am Ende trotzdem schaffen könnte die breite Masse zu begeistern. Es bleibt inständig zu hoffen, dass mehr FilmemacherInnen den Mut aufbringen, solche speziellen Meistwerke zu erschaffen, denn nichts anderes ist „A beautiful day“ geworden.

von Cliff Brockerhoff

Bewertung: 9 von 10 Punkten

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