Als Sam Kelly auf Wunsch seines Freundes mit seiner Familie zum neuen Nachbarn Harry March geht, weiß er noch nicht, dass er eine der schlimmsten Entscheidungen seines Lebens trifft. Sein übermäßiges Vertrauen wird eine Lawine von Ereignissen auslösen, die mit einem tödlichen Schusswechseln endet. Sam und seine Frau werden in der Folge versuchen müssen, der rücksichtslosen Gerechtigkeit zu entkommen, die Sergeant Fletcher verkörpert.

„Sweet Country“ von Warwick Thornton ist eine Geschichte von Scham, Frustration und Erniedrigung, die die Ureinwohner Australiens erleben mussten. Es ist aber keine Doku – der Film erzählt nicht von einem kolonialistischen Hintergrund oder von der Ausrottung der Aborigines, sondern ist stattdessen auf die individuellen Schicksale der Charaktere fokussiert. Für sie hat die Vergangenheit keine Bedeutung. Was für sie zählt, ist nur das Überleben und ein möglichst friedliches Dasein. Die dargestellten Weißen sind jedoch so grausam in ihrem Verhalten den Aborigines gegenüber, dass selbst diese kleinen Träume bis zum letzten Tropfen Blut hart erkämpft werden müssen.

Der Regisseur präsentiert so drei Aborigines, von denen sich jeder seinen Weg in die Freiheit bahnt. Der bereits erwähnte Sam ist ein ruhiger Mann, der immer noch an die Existenz höherer Gerechtigkeit glaubt. Archie ist ein Beispiel für eine Person, die auf Unterwürfigkeit setzt, um sich Respekt zu verschaffen, während Philomac ein junger Mann ist, der immer wieder betrügt, um etwas zu erreichen. Diese drei Männer sind sehr unterschiedlich, aber sie teilen eine bedeutende Gemeinsamkeit: Sie können selten ganz sie selbst sein, weil sie noch immer versklavt sind.

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Obwohl der Film im Stil eines Westerns gehalten ist, ist es unmöglich, eine klare Linie zwischen guten und schlechten Charakteren zu finden. Der Regisseur schafft es, das Gleichgewicht zu halten, indem er Individuen auf beiden Konfliktseiten mit unterschiedlichen „moralischen Sensorien“ ausstattet. Thornton weist deutlich auf den rassistischen Ansatz des weißen Teils der Gesellschaft hin, kann aber auch einen Beamten als einen Menschen zeichnen, der aufrichtig die Wahrheit sucht und die Rechtsstaatlichkeit herbeiführen will. Er porträtiert seine Figuren als vom Wahn getrieben, bremst dann aber im richtigen Moment und präsentiert eine glaubwürdige psychologische Veränderung.

Die Einfachheit ist die große Stärke von „Sweet Country“. Die Geschichte wird sehr konsequent erzählt, weshalb sie nicht mit Themen überladen ist. Alle Emotionen werden jedoch von den Akteuren perfekt wiedergegeben, wodurch die Geschichte authentisch wirkt. Besonderer Beifall gebührt Hamilton Morris. Sein Charakter (Sam Kelly) ist eigentlich aus dem „Leiden der Stille“ erschaffen. Seine verhaltene Darstellung verdient aufrichtige Anerkennung, weil es leicht sein würde, bei einem solchen Thema zu übertreiben, und den Zuschauer „emotional zu erpressen“. Doch Sam ist lieber still.

Fazit:

„Sweet Country“ wird zur Stimme der Ausgeschlossenen, die über den Rand der „zivilisierten“ Gesellschaft hinausgedrängt werden. Der Film ist Klagelied für unschuldige Opfer, sowie eine Parabel über das destruktive Verlangen, andere menschliche Wesen zu unterwerfen. Schließlich ist es extrem emotionales Kino, das dem Betrachter die Tragödie der Aborigines in schmerzhaft langsamem Tempo präsentiert.

Bewertung:

9 von 10 Punkten

Kritik von Szymon Pietrzak

seit 13.7. im Kino

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Bilder: ©Thimfilm

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