Eine kleine Überraschung war es schon, als Spike Lees neuer Film „BlacKkKlansman“ vor wenigen Monaten mit dem Hauptpreis beim Filmfestival in Cannes prämiert wurde. Seit 23.8. ist ist er nun auch bei uns in den Kinos zu sehen – und rechtfertigt die Lorbeeren nicht nur, sondern bringt sich auch als erster, großer Oscar-Favorit in Stellung. Lee ist ein äußerst vielschichtiges Werk gelungen, zudem ist „BlacKkKlansman“ ein erschütternder Film von höchster Aktualität.

von Christian Klosz

Ron Stallworth (John David Washington, Denzels Sohn) bewirbt sich Anfang der 1970-er bei der Polizei in Colorado Springs, die explizit nach Minderheiten sucht: Stallworth ist schwarz, die Polizei will im Fahrwasser der Bürgerrechtsbewegung ihr Image aufpolieren. Oder durch neue Rekruten besseren Zugang zu den „Problemen der Minderheiten“ bekommen. Oder beides. Stallworth ist clever, hochmotiviert, und lässt sich von Anfeindungen nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Nach ersten, eher öden Aufgaben in der Administration erlangt er schnell das Vertrauen seiner Vorgesetzten, die ihn auf seinen ersten Undercover-Einsatz schicken: Er soll an einer Versammlung schwarzer Studenten teilnehmen, auf der der Aktivist Kwame Ture sprechen wird, und dessen „Gefahrenpotential“ einschätzen. Für Stallworth, der sich seit jeher für höhere Aufgaben bestimmt sieht, eine leichte Übung.

Eines Tages entdeckt er im Dienst eine Zeitungsannonce des lokalen Ku-Klux-Klans, und ruft kurzerhand an: Walter Breachway, Leiter der Ortsgruppe, nicht wissend, wer da am anderen Ende der Leitung sitzt, ist erfreut über das Interesse, und bittet zu einem persönlichen „Kennenlernen“ – was sich ob Stallworths Hautfarbe als schwierig herausstellen sollte. Er überredet seinen (jüdischen) Kollegen Flip Zimmerman dazu, als sein „Avatar“ zu dem Treffen zu gehen, und sich so in den lokalen Ku-Klux-Klan einzuschleusen; Kopf hinter der Aktion bleibt weiterhin Stallworth, der in Folge auch das Backup von der Leitung seiner Polizei-Division erhält. Eine aufsehenerregende Undercover-Aktion nimmt ihren Lauf.

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So unmöglich diese Geschichte klingt: Sie hat sich tatsächlich zugetragen, und Spike Lee nimmt sie als Basis für seinen extrem interessanten, fordernden und stilistisch hochwertigen Film, der sich mit Fragen nach Rasse, Gewalt, Identität, Kultur und Politik beschäftigt. Beeindruckend ist neben der Vielschichtigkeit von „BlacKkKlansman“ auch Lees Coup, „mehrere Filme in einem zu drehen“, ohne dabei den Rahmen zu sprengen.

Er verwendet unterschiedliche stilistische und dramaturgische Tonalitäten, die einander überraschenderweise aber ergänzen, und sich zu einem großen Ganzen fügen: „BlacKkKlansman“ hat im Grunde drei „Zentren“, in deren jeweiligem Mittelpunkt sich Ron Stallworth befindet. Zum einen die Polizeistation in Colorado Springs, gewissermaßen die „home base„, in der sich Stallworth größtenteils akzeptiert und angenommen fühlt – trotz anderer Hautfarbe. Die meisten Kollegen sind aufgeschlossene Pragmatiker, die ihre Arbeit in den Mittelpunkt stellen, und nur wenigen Ressentiments nachhängen. So bekommt Stallworth von seinen Vorgesetzten und Kollegen die nötige Unterstützung für seine Ideen und Aktionen. Das zweite „Handlungszentrum“ ist die intellektuelle „Black Community“ in Colorado Springs, zu der Ron zuerst nur als Undercover-Agent Zugang erhält. Er freundet sich mit der Aktivistin Patrice Dumas an – ohne aber deren radikale Einstellungen gegenüber Weißen und insbesondere Cops (für Dumas stets „pigs“) zu teilen. Auch Stallworth ist Pragmatiker, scheint zwar den Kampf für „Black Empowerment“ zu unterstützen, keinesfalls aber mit allen Mitteln.

Als drittes Zentrum etabliert Lee die Zusammenkünfte der lokalen Ku-Klux-Klan-Community, über die Ron nur über Einschleusen seines Kollegen Flip Zimmerman (Adam Driver) Zugang erhält: Jeder Schritt ist mit ihm abgesprochen und geplant, nichts wird dem Zufall überlassen.

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„BlacKkKlansman“ hat viele hervorstechende Qualitäten: Zu allererst müssen die durchwegs hervorragenden Schauspielleistungen genannt werden. Sowohl John David Washington als Ron Stallworth, als auch Adam Driver als Flip Zimmerman liefern tolle Performances ab, die sie wohl schon jetzt in die Nähe diverser Filmpreis-Nominierungen bringen. Erwähnenswert ist auch Ryan Eggold als Leiter der KKK-Ortsgruppe, der nicht wirklich dem Klischeebild des primitiven, dummen clan-rednecks entspricht, und durch dessen Besetzung Spike Lee einer zu simplen schwarz-weiß-Zeichnung, die ihm des öfteren vorgeworfen wurde, eine Absage erteilt. Herausragend ist auch der exquisite Soundtrack, vor Allem die groovenden Funk- und Soul-Sounds, die den Szenen in der „Black Community“ unterlegt sind. Ungewöhnlich, so selten gehört, aber absolut passend und im Gedächtnis haften bleibend. Beeindruckend auch, wie es Lee gelingt, trotz des durchaus ernsten Sujets immer wieder humoristische Einlagen einzustreuen. Das ist einerseits der bizarren, aber wahren Geschichte geschuldet, die an sich schon tragik-komisches Potential besitzt, andererseits der guten Chemie der Akteure, des Zusammenspiels der Protagonisten, das immer wieder kleinere und größere Lacher zulässt.

Zu guter Letzt versieht Lee seinen Film mit einem gehörigen Schuss Aktualität, ganz unverblümt und offen: Das Ende unterschneidet er mit schockierenden Bildern aus Charlottesville 2017 und Aufnahmen des realen David Duke, Symbolfigur des Ku-Klux-Klans, um das Rassismus-Thema unvermittelt in die Gegenwart zu transportieren. Alec Baldwins Cameo am Anfang als irrer rechter Paranoiker ist nur ein weiterer, wenig subtiler Verweis auf das gespaltene Trump-Amerika anno 2018, das alte, längst verschüttet geglaubte Gräben wieder und für jeden offen sichtbar auseinanderklaffen lässt. Ein heftiger, nachdenklich stimmender Film, der einem im Abspann einen jener Momente beschert, die die Unverzichtbarkeit des Mediums „Kino“ demonstrieren: Alleine unter vielen gebannt und erschüttert auf die Leinwand zu starren, in vollkommener Stille im Kinosaal, und wissend, hier etwas Großes gesehen zu haben; wissend – weil man es an den Gesichtern ablesen kann – dass es den anderen nicht anders geht. Das ist die Macht des Kinos.

Bewertung:

10 von 10 Punkten

Bilder: © Universal Pictures

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