Vor allem Martin Scorsese-Fans fragen sich seit längerem, wann sie die beiden Musen des Meisterregisseurs endlich gemeinsam unter seiner Führung auf der Leinwand erleben dürfen: Die Rede ist von Robert De Niro, der Scorsese von Anfang seiner Karriere an begleitete, und der demnächst in „The Irishman“ zu sehen sein wird, und von Leonardo Di Caprio, mit dem er in den letzten gut 15 Jahren beinahe jeden seiner großen Filme besetzt hatte; neben einem lustigen Kurzfilm („The Audition“) gibt es bisher keine Zusammenarbeit der beiden – wäre da nicht „This Boy’s Life“ von Michael Caton-Jones aus dem Jahre 1993, einer der ersten, größeren Filme von Di Caprio (noch vor dem bekannteren „Gilbert Grape“), ein berührendes Drama, in dem sowohl De Niro, als auch Di Caprio ihr großes Talent unter Beweis stellen.

Der Film spielt in den USA der 1950-er, einer Zeit, in der vieles noch seine „gewohnte Ordnung“ hatte, aber durch die Rock-n-Roll-Jugendkultur erste Risse im Nachkriegs-Konservatismus entstanden. Inmitten dieser gesellschaftlichen Geografie lebt Caroline Wollf (überzeugend: Ellen Barkin) als alleinerziehende Mutter des aufmüpfigen Toby (Di Caprio), und versucht, irgendwie über die Runden zu kommen. Da das Leben zu jenen Zeiten für eine alleinstehende Frau noch um einiges komplizierter war, als heute, sucht sie seit längerem einen neuen Partner, Ehemann, und Ersatz-Vater für den rebellischen Toby. Den scheint sie schließlich in dem etwas einfältigen, aber mit guten Manieren ausgestatteten Dwight Hansen gefunden zu haben. Toby bleibt von Beginn an skeptisch, nimmt dem zu bemüht um Aufmerksamkeit heischenden Dwight seine aufgesetzten Höflichkeiten nicht ab – und sollte mit seiner Einschätzung recht behalten: Nach der unausweichlichen Hochzeit und dem Umzug in die Holzhütte in der Kleinstadt Concrete offenbart Dwight immer mehr sein „wahres Gesicht“…

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„This Boy’s Life“ handelt von mehrerem gleichzeitig: Einerseits von einer im Grunde gutherzigen Frau (Caroline), die aus Sorge um ihre und die Zukunft ihres Sohnes eine unglückliche Bindung eingeht; andererseits um einen im Grunde bemitleidenswerten Mann (Dwight), einen zweifelhaften Charakter mit schlechten Motiven, der seine offensichtlichen Minderwertigkeitskomplexe durch falsche Höflichkeit, wahnhafte Strenge und verzweifelte Gewaltausbrüche zu überdecken sucht – eine typische De Niro-Figur also; und zum dritten – und das vor Allem – um einen verlorenen Jungen (Toby), der sich nach Geborgenheit und Familie sehnt, nach wahren Freunden und einem „guten Leben“, das seinen großen Talenten und Begabungen entspricht, nach einer verlorenen und vielleicht niemals dagewesenen Identität, und nach einem Vorbild, einer Vaterfigur. All das kann ihm Dwight und die kleingeistige Kleinstadt Concrete natürlich nicht bieten. Das Lexikon des internationalen Films beschreibt den Film treffend als eine „beeindruckend und stimmig inszenierte, hervorragend gespielte Milieu- und Charakterstudie, die einen realistischen Blick auf eine Kleinstadt und ihre geistige Enge vermittelt“, und das charakterisiert die Essenz von „This Boy’s Life“ ziemlich adäquat.

Es soll hier nicht vergessen werde, darauf hinzuweisen, dass der Film auf der wahren Geschichte des Tobias Wolff basiert. Und tatsächlich gelingt es sowohl Regisseur Caton-Jones, als auch seinen Darstellern, ein glaubwürdiges und lebensnahes Portrait einer Zeitepoche, eines gesellschaftlichen Milieus und von im besten Sinne des Wortes echten Figuren zu kreieren. Robert De Niro schafft es einmal mehr, einem an sich fragwürdigen und gebrochenen Charakter menschliche Seiten zu entlocken, während Leonardo Di Caprio in seinem ersten, größeren Film sein unglaubliches Talent nicht nur aufblitzen lässt, sondern den Rest der (ja ebenfalls groß aufspielenden) Belegschaft szenenweise nahezu an die Wand spielt. Sein Schauspiel, insbesondere in den letzten Jahren sehr physisch und tendenziell plakativ angelegt, besitzt hier noch eine spürbare Sensibilität und Zerbrechlichkeit, die den Zuschauer fesselt. Besonders befriedigend in „This Boy’s Life“ ist die Tatsache, dass es am Schluss so etwas wie ein „Happy End“ gibt, das ob der wahren Hintergründe glaubwürdig wirkt, und den Zuschauer trotz des schweren Sujets mit Optimismus hinterlässt. Ein zu Unrecht unbekannter Film, der sich eine Wiederentdeckung redlich verdient hätte.

von Christian Klosz

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