Weibliche Regisseure sind auch in der Filmwelt des Jahres 2019 rar gesät, und so ergibt es sich beinahe zwangsläufig, dass den wenigen Ausnahmen eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Eine dieser Koryphäen ist die US-Amerikanerin Karyn Kusama, dessen bisherige Vita neben verschrienen Werken wie „Aeon Flux“ und „Jennifers Body“ mit „The Invitation“ immerhin auch einen richtig guten Emporkömmling beinhaltet, bei dem Kusama andeuten konnte, welches Talent in ihr schlummert.

Im März diesen Jahres erscheint nun „Destroyer“, der seine internationale Premiere im Rahmen des Toronto International Film Festivals feierte und bei den Fantasy Filmfest White Nights zum ersten Mal dem deutschsprachigen Publikum präsentiert wurde. Inhaltlich begleitet der Zuschauer die Polizistin Erin Bell, die in ihrer Vergangenheit lange Zeit undercover gegen eine kriminelle Bande ermittelte. Als der Anführer der Bande Jahre später wieder auf der Bildfläche erscheint wird Bell von ihrer eigenen Geschichte eingeholt und sieht sich alten Dämonen und neuen Problemen gegenüber.

Verkörpert wird die Protagonistin dabei von niemand geringerem als Nicole Kidman, ihres Zeichens Oscarpreisträgerin und ohne Zweifel eine der begnadetsten Darstellerinnen der Neuzeit. Ihre Wandlungsfähigkeit stellte Kidman bereits 2002 unter Beweis als sie in „The Hours“ die britische Schriftstellerin Virginia Woolf portraitierte. Die Veränderung, die die US-Amerikanerin in „Destroyer“ erfährt, bewegt sich aber nochmals auf einer ganz anderen Ebene. Falten, Augenringe, Mimik, Bewegung; die Vergangenheit hat Spuren hinterlassen und Kidman weiß dies perfekt zu figurieren. Die verworrene Gefühlswelt wird quasi nach außen gekehrt und zeichnet das Bild einer Frau, deren innere Verwüstung immer mehr Besitz von ihr ergreift. Einzig die etwas befremdliche Wahl der Perücke wirft Fragen auf, ist letztlich aber Makulatur.

Storytechnisch nimmt der Film den Betrachter in seinen zwei Stunden mit auf einer Reise quer durch die Genres und überwindet dabei spielend leicht die Konventionen ebenjener Gattungen. Die Spannung in den Actionszenen ist förmlich greifbar und gipfelt in einer der besten Heist-Szenen der letzten Jahre. Dem gegenüber versteht es Kusama aber ebenso gut die ruhigen Passagen mit Emotion zu füllen und bietet so neben nervenzerfetzender Anspannung auch etwas fürs Herz. Wer nun pseudo-romantischen Kitsch fürchtet kann beruhigt den Puls herunterfahren; „Destroyer“ ist durchgehend düster und ergießt sich glücklicherweise nicht in gezwungen fröhlichen Momenten. Simultan zu den Stimmungswechsel alterniert auch die Handlungszeit, die sowohl Entwicklungen in der Gegenwart, als auch Rückblicke in Bells belebte Vergangenheit präsentiert. Teilweise verstrickt sich der Film etwas in seinen Zeitsprüngen, löst das Konstrukt am Ende aber gekonnt auf, sodass dieser technische Kniff zwar nicht zwingend notwendig aber immerhin auch nicht wirklich störend wirkt. Bei der praktischen Umsetzung von Bild und Ton verlässt das Werk den unbefestigten Pfad und wandelt auf traditionellem Terrain. Verwackelte Kameraeinstellungen, laute Effekte und hektische Cuts; altbewährte Verfahrensweisen, die dem Film gut zu Gesicht stehen.

Fazit:

Trotz der weiblichen Führung erweist sich „Destroyer“ als testosteronbeladener Neo-Noir Thriller, der zwischen düsteren Charakterstudien und einer hypnotisierenden Story wandelt, die Parallelen zu „A beautiful day“ aufweist, aber weniger sperrig daherkommt. Wer ambitioniertes Genrekino zu schätzen weiß, sollte sich den 22. März 2019 (in Deutschland startet der Film bereits am 14. März) blutrot im Kalender anstreichen.

Bewertung:

8 von 10 Punkten

von Cliff Brockerhoff

Bilder: © 2018 Concorde Filmverleih GmbH

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