Eine klassische Herangehensweise an die Aufarbeitung des Lebens und Schaffens des Ausnahmekünstlers Bob Dylan würde diesem ganz eigenen Charakter wohl kaum gerecht werden. Das erkannte bereits Regisseur Todd Haynes und lieferte deswegen mit dem Film „I’m not there“ aus dem Jahr 2007 eines der eigenwilligsten und kreativsten Biopics der Filmgeschichte ab. Martin Scorsese hat sich daran wohl ein Beispiel genommen, denn die vor ein paar Tagen auf Netflix erschienen „Dokumentation“ über Dylans legendäre Rolling Thunder Tournee im Jahre 1975 ist alles andere als gewöhnlich. Weshalb der Film dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, lediglich eingefleischte Fans ansprechen dürfte, erfahrt ihr in dieser Kritik.

von Mara Hollenstein- Tirk

Nachdem Bob Dylan das normale Tourleben zu anstrengend und langweilig wurde, entschloss er sich kurzerhand dazu, für seine nächste Tournee, die einer Revue im klassischen Sinne nachempfunden sein sollte, einige seiner künstlerisch tätigen Freunde einzupacken, seien es nun SängerInnen, SchriftstellerInnen oder MusikerInnen aller Art, und sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Einmal quer durch ganz Amerika ging die große Reise und die Konzerte, die dank dieser Kollaborationen entstanden, gingen in die Musikgeschichte ein.

Kein Wunder also, dass sich Martin Scorsese für seinen neuesten Streifen auf diese Phase in Dylans Schaffen fokussiert und den großen Meister dabei auch gerne selbst zu Wort kommen lässt; der stellt gleich zu Beginn von „Rolling Thunder Revue“ klar, dass er sich eigentlich an nichts mehr aus der Zeit erinnern könne, was ja irgendwie ganz passend sei, da es damals auch eigentlich um nichts Konkretes ging. Schon diese ersten Sätze Dylans, gepaart mit den ersten Bildern des Films, die einen Magier zeigen, der eine Frau unter einer Decke verschwinden lässt, lassen erahnen, dass es sich hier nicht um eine klassische Dokumentation handeln wird.

Bob Dylan in Martin Scorseses Netflix-Film „Rolling Thunder Revue“

Ein Eindruck, der sich während der Sichtung der restlichen zwei Stunden stetig steigern wird, dank vieler kleiner Ungereimtheiten, die der Zuschauer unterschwellig wahrnimmt, ohne dass sie ihm jemals wirklich greifbar ins Auge springen würden. Genau diese subtil versteckten Botschaften sorgen bei Neueinsteigern und Unwissenden ohne Vorkenntnisse über den Künstler und seinen Werdegang für ein nicht nur befremdliches, sondern stellenweise auch relativ unzusammenhängendes Bild. Irgendetwas scheint einfach immer auf eine merkwürdige Art „falsch“ zu laufen, ohne dass man mit dem Finger darauf zeigen könnte. Dieses Gefühl wird natürlich durch den Schnittstil, der leicht konfusen Szenenhaftigkeit des Werkes, noch zusätzlich verstärkt – da wechseln sich Interviewschnipsel, solche vergangener Tage ebenso wie aktuelle, mit Backstageaufnahmen ab und ganze Performances werden, dank alter Originalaufnahmen, einfach von Anfang bis zum Ende gezeigt. Ein Blick hinter die Kulissen der Entstehung des Films bietet dann schließlich die ersehnte Aufklärung für all jene verwirrten Zuschauer, die mit dem Leben Dylans noch nicht viele Berührungspunkte hatten, denn bei dieser Revue darf man nicht alles glauben, was man sieht. Ein wilder Mix aus Fakten, Fiktion und Neuinterpretation flimmert hier über die Bildschirme und erst durch dieses Wissen löst sich das zunächst befremdliche Gefühl schnell in Wohlgefallen auf, erkennt man doch endlich, woher die vielen Unstimmigkeiten herrühren.

Fazit:

Alles in allem ist „Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story by Martin Scorsese“ ein durchaus gelungener Mix aus Mockumentary, Dokumentation, Konzertfilm und Anekdotensammlung, den man allerdings nur mit dem Vorwissen um die erzählerischen Freiheiten tatsächlich in seiner Ganzheit genießen und verstehen kann. Denn wer alles Gezeigte für bare Münze nimmt, wird wohl eher irritiert denn begeistert auf dem Sofa zurückbleiben.

Bewertung:

7 von 10 Punkten

Bilder: Netflix

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