„Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.“ – das Zitat der mährisch-österreichischen Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach stammt aus längst vergangener Zeit und ist doch die perfekte Zusammenfassung von „O beautiful night“, dem kürzlich veröffentlichten Filmdebüt von Xaver Böhm. Die bittersüße Komödie erzählt die Geschichte von Yuri, einem jungen Musiker, der von Visionen seines eigenen Ablebens geplagt wird. Um seinen schauderhaften Tagträumen zu entfliehen, begibt sich der lebensmüde Mann eines Nachts in das nächstgelegene Etablissement. Als ihm dort der leibhaftige Tod auflauert, scheint alles verloren. Doch Yuri wird eine letzte Reise gewährt, und im Angesicht des Todes keimt zarte Hoffnung in seinen Gedanken.

von Cliff Brocker
hoff

Thematisch orientiert sich die Handlung damit lose an der Geschichte von Goethes Tragödie „Faust“, doch anstatt des Teufels konfrontiert uns der Film mit dem Tod, und anstelle der Figur der „Gretchen“ treffen wir im Laufe der Handlung auf Nina, die den zauberhaften Spitznamen „Giftblume“ verliehen bekommt. Apropos Blume – die einzelnen, unbenannten und zeitlich eng verknüpften Kapitel des Filmes werden immer wieder von farbenfrohen Stillleben der niederländischen Renaissancemalerei unterteilt und eingeleitet. Wunderschöne Blütenprachten, die mittels unterschwellig wabernder Bilder den Sehnerv ihrer Betrachter betören. Voller Leben stehen sie im schroffen Kontrast zur Story, die trotz subtil verschrobenen Humors besonders anfangs bedrückend daherkommt.

Stilistisch profitiert „O beautiful night“ von gestochen scharfen Bildern, virtuos eingesetzter Farbenvielfalt und einer leichtfüßigen Inszenierung. In den besten Momenten weckt der Stil Erinnerungen an die Werke Nicolas Winding Refns, ohne sich jedoch zu sehr anzubiedern. Die Eleganz und Ästhetik der Handschrift des dänischen Großmeisters erreicht Böhm zwar (noch) nicht, die Mischung aus Individualität und internationalem Einfluss wirkt aber herrlich erfrischend und lässt in den knapp anderthalb Stunden nur selten Platz für Langeweile. Getragen wird der Film dabei von lediglich drei Akteuren. Neben Yuri und Nina ist es vor allem der Tod, der sich immer wieder in den Vordergrund spielt. Zwischen alkoholgeschwängertem Nonsens und tiefschürfenden Lebensweisheiten sinniert Marko Mandic in seiner Rolle über die Bedeutung von Zeit, der Liebe und dem Leben. Auch wenn der Slowene als eine Art Antagonist agiert, avanciert er durch seinen liebenswerten Akzent schnell zum Sympathieträger.

Generell muss konstatiert werden, dass die Story sehr feinfühlig und mit Liebe zum Detail ausgearbeitet wurde. Nicht alle Aspekte und Wendungen sind zwingend überraschend, dafür verfällt Böhm aber auch nicht in den klassischen Kitsch, dem viele artverwandte Werke am Ende erliegen. Die Handlungen der Charaktere sind, bis auf einige lustige Ausnahmen, nachvollziehbar und authentisch. Realismus und kunstvolle Gestaltung gehen Hand in Hand und verschwimmen zu einem rauschartigen Sog, dem sich der aufgeschlossene Zuschauer schwer entziehen kann. Abgerundet wird die Mixtur von einer elektronisch vertonten Morbidität, die sich wie eine Dunstwolke um die Protagonisten legt und auch den Zuschauer ein ums andere Mal zu umhüllen vermag.

Fazit:

„O beautiful night“ atmet die Einflüsse seiner Vorbilder durch jede Pore und ist, trotz der Vermenschlichung des Todes, vor allem eins: Eine Ode an das Leben. Auch wenn sich das Werk auf die Endlichkeit des Seins fokussiert, ist es doch voll von Zuversicht und Hoffnung für all jene, die sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens mit der Verzweiflung konfrontiert sehen. Ein faszinierendes Erstlingswerk, das ganz nebenbei beweist, dass der deutsche Film beileibe nicht so tot ist, wie einige ihn seit Jahren reden.

Bewertung:

8 von 10 Punkten

„O Beautiful Night“ ist seit 20.6. in den deutschen Kinos zu sehen. Ein österreichischer Starttermin steht noch nicht fest.

Bilder: ©NFP marketing & distribution

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