Nicht alle Superhelden tragen einen Umhang, auch wenn uns die Avengers und all die anderen Weltenbeschützer dieser Tage mit ihren glänzenden Rüstungen und Aufmachungen etwas anderes glauben machen wollen. Es gibt sie noch, die unscheinbaren Helden des Alltags. Diejenigen, die nicht das große Ganze im Sinn haben, sondern sich der Unterstützung einzelner, benachteiligter Individuen verschrieben haben.

von Cliff Brockerhoff

Eine von ihnen ist Sadie, eine alleinstehende Frau, die den Selbsthilfegruppen für die Opfer häuslicher Gewalt beiwohnt und dort ihre Hilfe anbietet. Anders als die Therapeutinnen dieser Gruppe versteht sich Sadie aber nicht auf menschlichen oder gefühlsbasierten Zuspruch, sondern offeriert ihre Dienste, bei denen sie den Tätern mittels gnadenloser Härte eine Lektion erteilt. Ein Honorar fordert die kampferprobte Wohltäterin nicht; aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit ist ihre Hilfe ihr eine innere Genugtuung. Was im weiteren Verlauf immer klarer wird: Auch Sadie selber hat noch eine Rechnung offen.

So lauten sie also, die Eckpfeiler von „Vigilante – Bis zum letzten Atemzug“, dem US-amerikanischen Action-Drama aus der Feder von Sarah Daggar-Nickson, die nach zwei Kurzfilmen und einer TV-Produktion nun ihren ersten Langspielfilm präsentiert. Für die Hauptrolle konnte sie dabei Olivia Wilde gewinnen, die, auch wenn ihre letzten Arbeiten nicht mehr die ganz große Aufmerksamkeit auf sich zogen, ein bekannter Name im Kreise Hollywoods ist. Durch die handlungstechnischen Gegebenheiten fungiert Wilde als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und steht nicht nur im Zentrum der Story, sondern vor allem im Fokus der Kameraarbeit. Nahaufnahmen ihrer Gefühlsregungen säumen den Weg, und Wilde funktioniert sowohl in den lauten und brutalen Momenten, als auch an den Stellen, in denen sie nachdenklich wirkt und der Zuschauer ihrer Arteria temporalis beim Pulsieren zusehen kann. Mit einem klaren Ziel vor Augen offenbart sich mit fortschreitender Laufzeit ihre wahre Intention, der der Film ungefähr ein Drittel der Laufzeit widmet.

In den ersten zwei Dritteln bekommt der Beobachter zwar keine großen Überraschungen zu sehen, sieht sich aber einem soliden Actionfilm gegenüber, der abseits von maskuliner Rächerattitüde einen interessanten Blickwinkel einnimmt. Ob der Voraussetzungen und der charakterlichen Entwicklung entfacht der Film die Hoffnung auf einen furiosen Showdown, vollführt dann aber leider eine Wendung, die nebulös und nahezu unerklärlich bleibt. Ja, die menschliche Komponente spielt in unseren Gedanken immer eine wichtige Rolle, und oft bleibt uns genau das, was wir uns fest vorgenommen haben, am Ende verwehrt. Da der Film aber vorher keinerlei Anzeichen für eine ebensolche Kehrtwende offenbart, sorgt die Wendung eher für kollektives Stirnrunzeln als für gemeinschaftliches Staunen. Angesichts des verheißungsvollen Fundamentes ist das doppelt schade und kann so, trotz handwerklicher Stärken und einem straffen Erzähltempo am Ende kaum überzeugen.

Fazit:

„Vigilante – Bis zum letzten Atemzug“ mag psychologisch komplex sein, wiederstrebt aber seiner eigenen Natur. Anstelle einer Gallionsfigur präsentiert der Film eine Rächerin, die am Ende sich selbst erliegt und so zu eben jenem fremdbestimmten und irrational handelndem Charakter mutiert, der den Zuschauer schon in vergleichbaren Werken zur Weißglut getrieben hat. Es fehlt an Mut zur Konsequenz, der diesem Werk deutlich besser zu Gesicht gestanden hätte. So bleibt eine 91-minütige Genremixtur zurück, die eben nicht bis zum letzten Atemzug funktioniert. Das rächt sich, auch in der Bewertung.

Bewertung:

5 von 10 Punkten

Wer sich von der Kritik angesprochen fühlt und sich selbst ein Bild machen möchte, kann „Vigilante – Bis zum letzten Atemzug“ ab sofort auf Bluray, DVD oder als video on demand erwerben!

Bilder: ©splendid film

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