Die Medienwelt verändert sich stetig, in den letzten Jahren war sie regelrechten Umwälzungen unterworfen: Die Art und Weise, wie Information und Unterhaltung konsumiert werden, hat sich grundlegend verändert, neue Akteure wie Blogger, Influencer, Youtuber betraten das mediale Feld. Für Medienprofis „vom alten Schlag“, oder solche, die der altmodischen Idee anhängen, dass Unterhaltung auch intelligent sein kann, sind das nicht unbedingt leichte Zeiten. Das muss auch Katherine Newbury (Emma Thompson) erfahren, eine alte Häsin im Late Night-Business und Protagonistin des neuen Films von Nisha Ganatra, der ab 30. August in unseren Kinos zu sehen ist.

von Christian Klosz

Newbury ist seit vielen Jahren ein Fixstern am Talkshow-Himmel: Die Zuschauerratings stagnieren zwar, aber für ihre treuen Fans ist sie immer noch eine Ikone. Jahrelang prägten ihr elaborierter Witz, ihr britischer Charme und ihre high brow-Comedy die amerikanischen Spätnächte im US-TV. Dass sich die Welt weitergedreht hat, und ihre Sendung nicht mehr unbedingt state of the art ist, hat Katherine stets mit einer aus Saturiertheit geborenen Überheblichkeit als unwichtig abgetan – bis ihr die Senderchefin den Stuhl vor die Tür stellt: Ein – in Newburys Augen – dumm-dämlicher Brachialkomiker vom Zuschnitt eines Jimmy Fallon soll sie demnächst als Host ihrer eigenen Show ablösen.

Late-Night-Gastgeberin Katherine Newbury (Emma Thompson) bei einem Meeting mit ihren Gagschreibern.

Zum ersten Mal realisiert Katherine, dass sie sich zunehmend von der Welt abgekapselt und neue Wünsche des sich ändernden Publikums stets ignoriert hatte. Auf der Suche nach den Wurzeln des Übels kommt ihr die junge Molly Patel (Mindy Kaling, gleichzeitig die Drehbuchautorin von „Late Night“) gerade Recht, eine Indo-Amerikanerin, die durch Glück ein Vorstellungsgespräch bei Katherines Show-Produzenten gewonnen und durch Zufall (eine Quotenfrau musste her) neu ins Autorenteam gerutscht war – und eine große Verehrerin von Newburys Late Night-Kunst ist. Gemeinsam begibt man sich auf die Suche nach den Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, um das schlingernde Schiff doch noch herumzureißen und in die modernen Mediengewässer des 21. Jahrhunderts zu lenken, sprich: „Tonight with Katherine Newbury“ vor dem Aus zu retten.

Schöne neue Medien-Welt

„Late Night“ ist ein intelligenter Film, eine Komödie mit Anspruch und Witz, und erzählt – Achtung! – von einer alten weißen Frau, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt oder lange Zeit erfolgreich ignoriert hat. Die neue amerikanische Medienwelt verlangt nach Diversität, neuen Formaten, Einbindung des Publikums und direkter Interaktion mit den „Menschen von der Straße“. Protagonistin Katherine akzeptiert das erst, als es (beinahe) zu spät ist, und sie ihr „Lebenswerk“ gefährdet sieht.

Tom Campbell (Reid Scott) und Molly Patel (Mindy Kaling) aus dem Autorenteam beobachten die Aufnahmen von „Tonight with Katherine Newbury“.

In der Hauptrolle ist Emma Thompson als kluge, neurotische, leicht überhebliche, aber immer sympathische Protagonistin die Idealbesetzung, man nimmt ihr ihre inneren (und äußeren) Konflikte in jedem Moment ab. Als erkrankter Ehemann wurde ihr der wunderbare John Lithgow gegenübergestellt, der in seinen wenigen, kurzen Auftritten umso mehr zu überzeugen weiß. Etwas farblos bleibt hingegen die Darstellung von Mindy Kaling als Late Night-Praktikantin, was aber auch an der Figur an sich liegen mag, der gänzlich die Ecken und Kanten fehlen, die als „braves, biederes Mäuschen“ gezeichnet wird; möglich aber auch, dass das Absicht ist, dass sie als dramaturgischer Gegenentwurf zur exzentrischen Katherine konzipiert wurde.

Fazit

„Late Night“ verlässt sich im Großen und Ganzen auf ein gutes Drehbuch, das einige interessante Wendungen bereithält und auch mit gut geschriebenen Dialogen aufwarten kann, die einige Lacher für die Zuschauer bereithalten. Etwas öde und generisch wirkt lediglich das „Happy End“, das natürlich mit der (im Film in die Praxis umgesetzten) inzwischen dramaturgisch mandatorischen Forderung nach mehr Diversität garniert ist (die alte Belegschaft Newburys wird entlassen und durch eine neue, weiblichere, „buntere“ ersezt), die in ihrer simplifizierend-redundanten Penetranz etwas an den Hurra-Patriotismus von US-Produktionen der 80-er und 90-er erinnert („alles wird gut, denn wir sind die USA!“ wird zu „alles wird gut, denn wir sind divers!“). Abgesehen davon aber, und damit genug des Gejammers, bietet „Late Night“ knappe 100 Minuten gute, clevere und (im besten Sinne) altmodische Unterhaltung, die Phänomene der Gegenwart akkurat, mit Witz und der Fähigkeit zur Selbstironie darstellt.

Bewertung

8 von 10 Punkten

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