Der norwegische Regisseur Kristoffer Borgli möchte provozieren. Seine Filme sind High-Concept-Filme, die eine spezifische Prämisse voraussetzen und darum Plot- und Charakterentwicklung aufbauen. Ähnlich wie Cannes-Darling Ruben Östlund sind es kalkulierte und kalkulierende Thesenfilme. Dabei versucht der Regisseur beinahe peinlich zeitgeistig zu sein – „Sick of Myself“ (2022) und „Dream Scenario“ (2023) versuchen sich produktiv mit kontemporären Diskursen wie dem Influencertum, der Aufmerksamkeitsökonomie und dem Shitstorm auseinanderzusetzen. Dass die beiden Filme als Satire gelesen werden sollten, rettet sie vor einem unangenehmen moralinen Beigeschmack. Nichtsdestotrotz scheint es Kristoffer Borgli immer mehr um die Provokation, als um den Mehrwert dahinter zu gehen.
Kritik von Pascal Ehrlich
Sein neuster Film „Das Drama“ (2026), hochkarätig mit Robert Pattinson und Zendaya besetzt, verlässt die Satireschiene – zumindest ist der Plot dermaßen in der Realität verankert, dass man nicht von einer inszenatorischen Übertreibung sprechen kann – und behält jedoch die High-Concept-Struktur bei. Der im Trailer nicht gezeigte, aber angedeutete Twist ist vielmehr eine Plot-Reveal, der schon in den ersten 20 Minuten des Films passiert. Gerade für die us-amerikanische Gesellschaft dürfte diese Enthüllung, die mehr oder weniger eine Abwandlung der auf Social-Media beliebten Fragestellung „Would you still love me if I was a worm?“ ist, eine größere Bedeutung haben. Die Tatsache, dass besagte Enthüllung gerade realistisch genug ist, lässt „Das Drama“ anfangs zu einem in Abstrichen spannenden Gedankenexperiment werden.
„Das Drama“: Eine nur milde Provokation
Das Problem ist jedoch, dass der Film das Interesse an diesem Experiment über seine Laufzeit nicht aufrechterhalten kann. Darüber hinaus zieht „Das Drama“ auch keine nennenswerten Erkenntnisse aus der Analyse der Beziehungsdynamik von Pattinson und Zendaya. Das moralische Dilemma, mit dem sich das Paar konfrontiert sieht, bliebt schlussendlich eine milde Irritation für ein konservatives Publikum, das sich spätestens im letzten Drittel keinen herausfordernden Fragen mehr stellen muss, sondern vom Film nur noch eindeutige Antworten geliefert bekommt. Generell bauen Borglis Filme auf eine Eskalationslogik, die immer nur linear und nie exponentiell funktioniert.
Am entlarvendsten ist der Film sicherlich, wenn er sich über die Scheinheiligkeit des Bildungsbürgertums lustig macht – allen voran die Figur von Alana Haim, die Pattinson und Zendaya gekonnt an die Wand spielt, ist dermaßen hassenswert, dass man nur noch die Fäuste ballen und Zähne zusammenbeißen kann. Gleichzeitig macht es sich „Das Drama“ auch wieder recht einfach durch diese Ansammlung an Un-SympathieträgerInnen. Denn wer nur Karikaturen aufstellt, muss sich nie der Frage stellen, was passiert, wenn ein wirklich empathisch gezeichneter Mensch mit dem zentralen Dilemma des Films konfrontiert wird. Borgli weicht genau dieser Unbequemlichkeit aus, indem er seine Figuren von vornherein als so unangenehm anlegt, dass ihr Scheitern an der moralischen Herausforderung wenig überrascht und noch weniger berührt.
Fazit
Formal bleibt „Das Drama“ solides, aber uninspiriertes Kino. Die Kameraarbeit von Kasper Tuxen setzt auf eine kühle, entsättigte Ästhetik, die zur emotionalen Distanziertheit des Films passt, ihm aber auch jede visuelle Dringlichkeit raubt. Es gibt keine Einstellung, die hängen bleibt, kein Bild, das die innere Zerrissenheit der Figuren spiegeln würde – alles wirkt so beherrscht und kontrolliert wie die Dinner-Partys, auf denen sich das Drama abspielt. Man wünscht sich stellenweise einen formalen Ausbruch, eine Sequenz, die den kalkulierten Rahmen sprengt, doch Borgli vertraut offenbar darauf, dass die Prämisse allein genug trägt. Das tut sie nicht.
Bewertung
(60/100)
„Das Drama – Noch mal auf Anfang“ – seit 2.4.2026 im Kino.
Bild: (c) Leonine
