“Dream Scenario” heißt der neue Film mit Nicolas Cage und von A24, der seit kurzem im Kino zu sehen ist. Es ist der zweite Langfilm des Regisseurs Kristoffer Borgli. Als Produzent ist A24-Überflieger Ari Aster mit an Bord. Der Film wird seinem Titel mehr als gerecht, da er immer wieder zwischen Realität und Traum wechselt und sich zudem einer zeitlichen Einordnung verweigert. .
von Richard Potrykus
Die Handlung dreht sich um den Biologieprofessor Paul (Nicolas Cage), der auf einmal und ohne sein Zutun in den Träumen anderer, meist fremder Menschen erscheint. Da dies immer häufiger und bei immer mehr Menschen geschieht und sein Erscheinen so präsent ist, dass sich die Träumenden im Nachhinein daran erinnern, avanciert Paul zu einer Berühmtheit. Er gibt Interviews und erfährt mediale Präsenz. Als es jedoch zu einem Paradigmenwechsel in den Träumen kommt und Paul nicht länger eine, wenngleich präsente, passive Randerscheinung ist, sondern zu einer handelnden Gefahr wird, die Träume sich somit zu Albträumen entwickeln, wird aus dem berühmten Paul der berüchtigte Paul. In der Folge erfährt er unter anderem gesellschaftliche Ächtung.
“Dreams Scenario” nimmt das Publikum nicht bei der sprichwörtlichen Hand und führt es durch den Film. Genauso wie die Hauptfigur, die Cage grandios und mit viel Unsicherheit und Überforderung verkörpert, sind die Zuschauer*innen ganz den Phänomenen ausgeliefert, die sich nach und nach ergeben und ebenso wie die Figuren kann auch die Kamera meist nicht mehr als beobachten. Der Film wirkt kühl, es gibt keine warmen, zärtlichen Bilder. Die Farben sind in ihrer Sättigung gemindert, die Körnung eher grob.
Gerade am Anfang von „Dream Scenario“ könnte man glauben, man hätte es mit einem Kubrick-Film aus den späten 1970er Jahren zu tun. Der Raum im Film ist stets abgeschlossen, die Kamera mittig auf das Geschehen ausgerichtet, aber ohne eine konkrete Agenda. Im Laufe des Films soll sich dies ein wenig ändern, allerdings ist es dann eher so, dass sich die Kamera in den Wirren der Erzählung verliert, sprich, die Bilder sich der zunehmenden Katastrophe anpassen. Anstelle den Raum zu portraitieren, zeigen Nahaufnahmen menschliche Verzweiflung.
Keine kohärente Agenda hat auch die Hauptfigur. Wie bereits angedeutet, ist Paul einerseits ein hochgebildeter Dozent, ein Spezialist auf seinem Gebiet und drauf und dran, ein eigenes Buch zu veröffentlichen, auf der anderen Seite ist er sehr unsicher. Er geht in gebückter Haltung, trägt meistens einen Anorak, weiß nicht immer um die richtigen Worte und ist darauf angewiesen, was seine Frau ihm rät. Gegen Widerstände kann er sich nicht zur Wehr setzen und ist gleich überfordert, wenn er seine Komfortzone verlassen muss. Umso gewaltiger sind für ihn die Auswirkungen, plötzlich im Rampenlicht zu stehen.
Am Anfang von „Dream Scenario“ diskutiert Paul im Hörsaal die Streifen eines Zebras und deren Zusammenhang mit dem Phänomen der Anpassung. In der Savanne dienen diese Streifen nicht der Tarnung, wohl aber verschwimmen die Formen der einzelnen Zebras zu einer großen Menge an Streifen, wenn sich die Tiere zu einer Herde ballen. Raubtiere können die Zebras dann nicht mehr auseinanderhalten und sind in Bezug auf ihre Jagd überfordert. So ermöglichen die Streifen Schutz. Auch Paul will nicht auffallen und sucht Schutz. Im Hörsaal steht er zwar alleine vor den Studierenden, doch umgibt ihn die Universität, die seine Dozententätigkeit unterstützt. Er kann kontrollieren, was er sagt und wie er wirkt. Diese Kontrolle geht ihm jedoch komplett abhanden, wenn er in den Träumen anderer Menschen erscheint.
“Dream Scenario” ist eine fantastische Erzählung und so liegt es nahe, in dem Film eine Ebene der Analogie zu suchen, die die fantastische Ebene in der Realität verankert. So kann das plötzliche und unkontrollierte Auftauchen in Träumen fremder Menschen verglichen werden mit den News Feeds sozialer Medien. Solange man selbst kein Gesprächsthema ist, wird man nur am Rande wahrgenommen. Menschen realisieren das Erscheinen zwar, scrollen oder swipen aber schnell weiter, ohne sich lange mit diesem neuen Inhalt zu befassen.
Dies ändert sich aber in dem Moment, da ein Tweet, ein Posting, ein Reel oder dergleichen Aufmerksamkeit generiert und viral geht. Dann entsteht auf einmal eine Bubble der Begeisterung und unmittelbar darauf eine weitere Bubble, gefüllt mit Menschen, die das Ganze nicht positiv sehen. Oder hassen. Der Fokus verschiebt sich und aus dem einst positiven Phänomen wird eine Bedrohung, über die die Pauls dieser Welt keine Kontrolle haben. Egal, wie sehr und wie oft sie beteuern, nicht Böses im Sinn zu haben oder nicht gewollt zu haben, was geschieht, die Deutungshoheit verbleibt bei den Bubbles, wenngleich die Konsequenzen bei den Pauls liegen. Schließlich springt die Industrie auf den Zug mit auf und kommerzialisiert das Phänomen, ungeachtet der Tragödien, die daraus entstehen können.
Und so muss auch Paul tatenlos mit ansehen, wie die Pressetour für sein Buch, auf das er so lange hingearbeitet hat, im Schatten der Traumphänomene verbleibt. Der Titel wird ohne Absprache mit Paul vom Verlag einfach abgeändert, Pressefotos beinhalten Bezüge zu der Tragödie und allgemein wird nur das Nötigste unternommen, das Buch zu vermarkten: Paul bleibt doch ein Stück weit eine unliebsame Person.
Fazit
“Dream Scenario” ist ein fantasievoller Film, der das Publikum herausfordert und immer wieder hinters Licht führt, der sich seine formalen Ideen bei Kubrick und auch bei Finchers “Fight Club” abgeschaut hat. Die Performance von Nicolas Cage ist großartig und obwohl der Film, wie viele A24-Filme, keine leichte Kost darstellt, ist er dennoch gut lesbar. Die Analogie zum Internet-Fame und der Unkontrollierbarkeit der Fremdwahrnehmung werden gekonnt umgesetzt und finden in der Verletzlichkeit Pauls eine enorm starke Projektionsfläche. Am Schluss gibt es eine Sci-Fi-Komponente, die nicht allzu glücklich in den Film integriert wird, und auch, wenn sie mit dem Schluss des Films einen sinnvollen Platz in der Erzählung findet, so bleibt sie doch auch ein (wenngleich kleiner) Störfaktor.
Alles in allem ist “Dream Scenario” trotzdem ein intelligentes und sehr sehenswertes Werk geworden, das zeigt, dass all jene, die meinen, es gäbe nur noch Remakes, Reboots und Fortsetzungen, falsch liegen. Es gibt sie, die originellen und originären Filme. Man muss sie nur finden und sehen wollen.
Wertung
(81/100)
Bild: (c) Metropolitan FilmExport / Polyfilm
