John Woo feiert sein Comeback mit diesem neuen Revenge-Thriller: „Silent Night“ nimmt seinen Titel wörtlich und verzichtet beinah ganz auf Dialog, um die düstere Atmosphäre zu steigern. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte, aber funktioniert das in der Umsetzung genauso gut?
von Natascha Jurácsik
Brian (Joel Kinnman) wird Zeuge, wie sein Sohn den kriminellen Machenschaften einer örtlichen Gang zum Opfer fällt. Bei der Jagd auf die Gangster erwischt es auch ihn, eine Stichwunde am Hals nimmt ihm seine Stimme. Um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, bereitet sich Brian auf einen Kampf vor und hat nur noch die Rache am Tod seines Kindes vor Augen, die er zu Heiligabend ausüben will.
Das Drehbuch von „Silent Night“ will offensichtlich die Action in den Vordergrund stellen und verzichtet darum auf den Dialog, doch kann nur eine recht unoriginelle Story anbieten. Die Geschichte eines Vaters, der nach Rache am Tod seines Kindes dürstet, ist in diesem Genre definitiv nichts Neues und weder der Regisseur noch der Autor haben sich Mühe gemacht, dieses Schema irgendwie aufzubrechen. Die Handlung springt zwischen der Gegenwart und den Erinnerungen des Protagonisten hin und her, doch eine wirkliche Funktion hat dies nicht, da die Erzählung selbst ziemlich vorhersehbar ist und somit auch keine besonders interessanten Details offenbart werden. Dafür ist „Silent Night“ auch ohne verbalen Austausch zwischen den Figuren gut nachvollziehbar – allerdings stellt sich die Frage, warum er so gestaltet wurde. Als Gimmick ist das Ganze zwar unterhaltsam, aber eben nicht mehr.
Im Gegenteil: Da der Dialog in „Silent Night“ mehr oder weniger wegfällt, übertreibt Woo mit allen anderen Elementen, um die nötige emotionale Wirkung zu erzielen. Durch geschwollene Streichmusik, unnötige Slow-Motion-Aufnahmen und theatralischen Darstellungen wirkt das Resultat eher melodramatisch als tragisch. Der pathetische Ton ändert leider nichts daran, dass die Story vor allem eins ist: langweilig. Nicht einmal die dynamischen Action-Szenen können daran etwas ändern, da diese viel zu spät eingesetzt werden und lange nicht so spektakulär sind, wie sie sein könnten. Trotz einiger Talente leidet auch die Leistung der Schauspieler, wodurch spätestens im zweiten Akt die wortlosen, ernsten Grimassen der Charaktere jegliche Wirksamkeit verlieren.

Auch die Kamera gibt sich Mühe den fehlenden Dialog zu überbrücken: Plötzliche Zooms, dramatische Nahaufnahmen, fließende Übergänge und langatmige Einstellungen – ein bunter Haufen altbekannter Tricks, um ansonsten monotone Szenen so fesselnd wie möglich zu machen. Leider fehlt auch hier jegliche Intention und die nötige Spannung bleibt auch visuell, bis auf einige Kampfszenen im dritten Akt, aus: Der Versuch eines fast stummen Action-Filmes scheitert eindeutig an einer uninspirierten Story und einem formelhaften Drehbuch.
Fazit
Netter Versuch, aber leider nicht ganz erfolgreich – „Silent Night“ fällt allein durch ein Gimmick auf, das scheinbar ohne größere Überlegung eingesetzt wird, um einen sonst recht faden Film etwas interessanter zu machen. Kein besonders gutes Comeback für den Kultregisseur John Woo.
Wertung
(45/100)
„Silent Night“ erscheint heute auf DVD und BluRay und ist auch als VOD verfügbar.
Bilder: (c) Leonine
