von Cliff Brockerhoff

Den meisten Lesern wird das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom als die Krankheit bekannt sein, bei der Betroffene mit zusammenhanglosen Flüchen und Beschimpfungen um sich werfen. Das die Nervenstörung aber oft eher mit unkontrollierbaren Zwängen und Gedanken einhergeht, die das Leben der Patienten zu einem heilloses Durcheinander werden lassen, ist auch heute den wenigsten bewusst. In den 50er Jahren war die Krankheit nahezu komplett unerforscht – einer Zeit, in der sich Brooklyn, der eigentlich Lionel heißt, nach dem Tod seines Mentors Frank Minna mit der Aufklärung des Schicksalsschlages befasst und dabei auf ein engmaschiges Netz aus Lügen, Korruption und Macht stößt.


Brooklyn, der in einem Waisenhaus aufwuchs und dem Film so seinen Namen verleiht, arbeitet offiziell für eine Art Taxiunternehmen, leidet ebenfalls an Tourette und beschreibt seinen Zustand als Ansammlung von Tics, die er zumeist nur mittels beruhigender Substanzen lindern kann. Schwer zu durchdringende Schwaden umnebeln seinen Geist und erschweren das Fassen klarer Gedanken. Er habe „Glas im Kopf“, alles müsse sich immer wieder neu ordnen, sagt er. Analog dazu verhält es sich auch mit der Handlung, in der sich der Zuschauer einem Kriminalfall gegenübersteht, der immer wieder neue Puzzleteile offenbart. Wie es sich für einen Thriller dieses Spektrums gehört, bietet das Werk Wendungen soweit das Auge reicht. Unglücklicherweise schlägt aber keiner der Richtungswechsel so richtig ein, dafür ist vieles zu schnell durchschaubar und biedert sich zu stark an die standardisierten Gewohnheiten des Genres an.

Bruce Willis in der Rolle des Ganoven „Frank Minna“

Edward Norton, der gleichzeitig als Hauptcharakter, Autor und Direktor in Erscheinung tritt, kann dafür nur bedingt ein Vorwurf gemacht werden, handelt es sich doch um die Verfilmung einer Romanvorlage. Anpassungen im Sinne der Zugänglichkeit, beziehungsweise des Unterhaltungswertes, hätten das Seherlebnis allerdings deutlich aufwerten können. So plätschert das Geschehen oft für mehrere Szenen gemächlich dahin bis etwas Bedeutsames passiert. Dies kann auch der namhafte Cast nur zeitweise kompensieren, der allerdings mit absoluten Hochkarätern aufwartet. Neben Norton finden sich beispielsweise Bruce Willis, Willem Dafoe oder Alec Baldwin in den Credits wieder, die allesamt mit starken Momenten punkten und den Film so im Kollektiv in den grünen Bereich hieven. Insbesondere Baldwin überzeugt als schmieriger Antagonist, der allem Anschein nach dem New Yorker Robert Moses nachempfunden wurde, der noch heute als einer der einflussreichsten Stadtplaner der Geschichte gilt.  

Am stärksten ist Nortons Regiedebut eigentlich immer dann, wenn er die Luft seiner Gegebenheiten atmet. Der Charme des typischen Fifties-Flairs ist ungebrochen und findet sich in liebevoll gestalteten Kulissen und Kostümen wieder. Manchmal wirkt es gar so, als würde „Motherless Brooklyn“ versuchen die typischen Versatzstücke von damals in 2019 zu etablieren, sei es durch hölzerne Dialoge zwischen den Charakteren oder auffällige Schnitte, die sich tendenziell eher der Vergangenheit als der Gegenwart zuordnen lassen. Technisch lässt sich eine kreative Umsetzung nicht von der Hand weisen, und wenn Norton sich dann plötzlich in einem Jazzclub wiederfindet und bei schrägen Off-Beats von seinen Zwängen übermannt wird, ist das großes Kino. An der gesamten Spielzeit gemessen ist es aber gleichzeitig noch etwas: zu wenig.

Alec Baldwin überzeugt als skrupelloser Geschäftsmann

Fazit

Das Edward Norton ein begnadeter Schauspieler ist und seinen Status in Hollywood lange zementiert hat, ist unbestritten. Und auch in „Motherless Brooklyn“ blitzt sein Talent vor und hinter der Kamera auf – letztlich aber zu selten um wirklich in höhere Punkteregionen vorzudringen. Dazu ist sein Werk zu zerfahren und kann während seiner Laufzeit von fast 2 1/2 Stunden zu selten begeistern. Für Fans des Genres oder des Casts zu empfehlen, für den Großteil womöglich zu ereignisarm.

Bewertung

5 von 10 Punkten

Bilder: ©Warner Bros. Entertainment