Mit „Die Känguru-Chroniken“ startet diese Woche die Verfilmung eines der aberwitzigsten Buchprojekte der letzten Jahre im Kino: Die schrägen Geschichten um ein kommunistisches Känguru, das plötzlich vor der Tür von Kleinkünsterl Marc-Uwe (= Autor und Erfinder Marc-Uwe Kling) steht, galten lange Zeit als unverfilmbar. Der Schweizer Filmemacher Dani Levy, der zuvor bereits einige Tatort-Folgen gedreht und mit Helge Schneider, Veronica Ferres oder Til Schweiger zusammengearbeitet hatte, nahm sich dennoch des Projekts an, das Ergebnis ist ab 6.3. in unseren Kinos zu sehen. Wir trafen Dani Levy zum ausführlichen Interview.

von Paul Kunz

Film plus Kritik: Hallo, Dani Levy! Kannst du mir sagen wie du als Regisseur dazu gekommen bist, die „Känguru-Chroniken“ zu verfilmen?

Dani Levy: Das war ehrlich gesagt ganz simpel: Ich wurde von unseren Produzenten angefragt. Ich bin ja einer der vier Gesellschafter von der Produktionsfirma X-Filme in Berlin. X-Filme hatte sich die Rechte an dem Stoff von Marc-Uwe Kling gesichert, dann haben die sich überlegt, wen sie für die Regie anfragen wollen – und haben mich angefragt. Und ich sagte: „Leute, gute Idee! Ich bin bereit, ich mach das.“

Film plus Kritik: Kanntest du „Die Känguru-Chroniken“ schon davor?

Dani Levy: Ich habe sie über meine Kinder kennengelernt. Meine Kinder waren riesige Fans und haben die Hörbücher bei uns zu Hause hoch- und runtergehört. Ich habe am Anfang nur sehr peripher zugehört und hab gar nicht so richtig verstanden, was das ist. Aus der Ferne war es laut und auch ein bisschen nervig. Ich habe dann ein paar Geschichten mitgehört, fand das auch witzig, hab aber überhaupt nicht verstanden, was sie denn davon verstehen. Ich hatte das Gefühl, das ist viel zu kompliziert für sie! Zu philosophisch, zu politisch und akademisch. Und ich habe mit großem Erstaunen und auch mit Freude gemerkt, dass sie dabei waren, all diese Geschichten zu begreifen und auch von uns zu erfahren, worum es bei bestimmten Themen geht und was gemeint ist. Das fand ich schon toll. Und als ich dann als Regisseur angefragt wurde, waren meine Kinder nicht nur hellauf begeistert, sie waren auch die Spezialisten und teilweise meine Berater. Ich habe ihnen Fragen gestellt, wie: „Welche Geschichte würdet ihr euch noch wünschen, dass wir sie in den Film reinnehmen?“ oder: „Wie findet ihr diesen Dialog?“

Dani Levy, Die Känguru Chroniken
Der Schweizer Filmemacher Dani Levy inszeniert die Kino-Adaption von „Die Känguru-Chroniken“

Film plus Kritik: Hast du Marc-Uwe Kling denn schon vor dem Film persönlich kennengelernt?

Dani Levy:  Nein, ich kannte ihn nur als Stimme in den Hörbüchern meiner Kinder. Und die Stimme kannte ich sehr gut. Für den Film haben wir uns dann getroffen – und auch sofort verstanden. Gerade in der Anfangsphase, als wir mit der Arbeit am Drehbuch begonnen haben, war ich öfter bei sei seinen Lesungen. Da hab ich mich auch in dieses ganze Universum hineinverliebt und erst gemerkt, wie breit Marc-Uwes Publikum wirklich ist. So viele unterschiedliche Leute – altersmäßig, aber auch sozial und politisch – besuchen seine Lesungen! Und das bietet wirklich Stoff für viele Diskussionen.

Film plus Kritik: Bezüglich dieser Zusammenarbeit – ich stelle mir das zwar einerseits sehr bereichernd, aber teilweise auch schwierig vor, wenn der Autor der Vorlage am Film mitwirkt und dann womöglich recht beschützerisch wird. Als Regisseur möchte man ja ein eigenständiges Werk machen.

Dani Levy: Ja! Das ist absolut richtig, was du sagst! Mir war das erst nicht so klar aber ich hab’s ganz schnell gemerkt. Für Marc-Uwe stand von Anfang an fest, dass er den ganzen Prozess hindurch dabei sein will. Man könnte es „Begleiten“ nennen, man könnte es auch „Überwachen“ nennen. Er wollte sichergehen, dass seine Marke auch im Film so wird, wie er glaubt, dass seine Fans – und die Fanbase ist wirklich riesig – das gut finden. Und das war für mich als Autor, als der ich mich natürlich auch fühle, total schwierig. Wenn ich mir überlege, das hätte jetzt ein typischer Dani Levy Film werden sollen… Aber als jemand, der auch will, dass das eine möglichst gute Adaption im Sinne der Bücher wird, ist es natürlich super gewesen jemanden zu haben, der passioniert dafür gekämpft hat, dass alles für ihn stimmt. Außerdem war es nur beim Drehbuch und dann bei der Vorbereitung, zum Beispiel bei der Besetzung so. Bei der Filmarbeit, also Ausstattung, Kostüme, Dreharbeiten und Schnitt, da hat er mich alleingelassen. Erst am Ende der Schnittarbeiten ist er dann wieder dazugestoßen, um zu sagen, was er sich noch vorgestellt hat. Es war eine gute Arbeitsteilung.

Film plus Kritik: Du hast die Besetzung angesprochen. Laut Film spielt sich das Känguru ja selbst – wie waren die Dreharbeiten mit einem derart nervigen Schauspieler?

Dani Levy: Nicht sehr angenehm… Das Känguru war extrem unpünktlich, verfressen, launisch und hat überhaupt nicht akzeptiert, dass es ein Drehbuch gab! Es hat einfach gesagt, was ihm passte und alle drumherum mussten gucken, wie sie damit klarkommen. Das war zu erwarten, aber trotzdem… ich weiß nicht, ob ich’s nochmal machen würde. Das nächste Mal würde ich das Känguru wahrscheinlich animieren lassen.

Film plus Kritik: Aber Spaß beiseite – das muss die Arbeit doch erschweren, wenn die Hauptfigur animiert ist, oder?

Dani Levy: Das dachte ich mir auch, aber es war gar nicht so kompliziert. Diese ganzen Visual-Effects-Sachen, wie ich sie damals bei „Mein Führer“ kennengelernt habe – also mit Green Screen und Motion Camera und was weiß ich – das war diesmal überhaupt nicht so. Wir hatten einen Darsteller, Volker Zack heißt er, der das Känguru in einem Motion Capture Suit gespielt hat. Und wir konnten eigentlich drehen, wie ansonsten auch, es war verrückt! Erst als wir den Schnitt soweit fertig hatten, wurde Volker Zack aus dem Film herausretuschiert und das Känguru mit Volkers Bewegungsapparat hineinanimiert. Danach mussten wir für die Animation des Kängurus noch viele Entscheidungen treffen: Hört er in dieser Szene zu oder guckt er weg? Schlackert er mit den Ohren? Hüpft oder springt er? Ein Schauspieler bringt natürlich alles immer mit – ob der jetzt gut ist oder nicht ist eine andere Frage, aber es ist immer schon etwas da. Beim Känguru ist alles erst nachträglich passiert. Das war sehr viel Arbeit, aber gleichzeitig auch sehr witzig.

Film plus Kritik: Das klingt, als hätte das auch etwas Befreiendes, wenn man im Nachhinein noch so viel Entscheidungsfreiheit hat.

Dani Levy: Absolut! Wir haben noch so viele Sachen reingebracht, die gar nicht so angelegt waren! Überlegungen, wie „An dieser Stelle könnte er doch weghüpfen, anstatt dass er wegläuft“ oder „Hier könnte er nochmal gegen irgendwas schlagen“. Das war ein toller Prozess, dass viele verschiedene Köpfe gemeinsam diesen Charakter entworfen haben. Und der ist, wie ich finde, wirklich ganz toll geworden.

Film plus Kritik: Jetzt ist der Film zwar lustig, er ist dabei aber auch politisch. Der rote Faden, der die Geschichten des Buchs im Film verbindet, ist der Kampf gegen den Immobilienhai und Rechtspopulisten Dwigs, der von Henry Hübchen gespielt wird. Und er ist eine offensichtliche Trump-Parodie – was hat zu dieser Entscheidung geführt?

Dani Levy: In den Büchern gibt es zwar den Mikrokosmos dieser Figuren in der Wohnung, dem Späti und der Herta-Kneipe und eine grundsätzliche Gentrifizierungs-Thematik aber es gibt keine übergeordnete Handlung, die man für den Film hätte nutzen können. Damit haben wir uns schwergetan. Wir mussten überlegen, ob wir diese Vernichtung der alten Welt zugunsten einer neuen kapitalistischen Stadtwelt als Thema nehmen oder ob wir was Neues finden müssen. Wir haben dann, befeuert durch die Wahlerfolge der Rechten und des ernsthaften Wachstums dieser Parteien, gesagt, dass das etwas ist, was im Sinne des politischen Films hineinkommen könnte. Wir hätten das natürlich realistischer machen können – aber in die Idee der Känguru-Chroniken passt diese comicartige, dystopische Weltverschwörungshandlung besser. Ich glaube, es war eine Instinkthandlung.

Film plus Kritik: Und Trump?

Dani Levy: Das kam vor allem durch die ersten Jahre von Donald Trump, und auch die Sache mit Trump Tower – diese Verbindung zwischen Geld und Politik, die in den rechten Kreisen gang und gäbe ist. Das sind sehr reiche Leute, die natürlich auch entsprechende Machtverhältnisse aufbauen können und die Gesellschaft in ihrem Sinne, also aus einer machtvollen reichen Perspektive umwälzen wollen. Das haben wir übernommen. Wir haben gesehen, dass das eine reale Gefahr ist, die nicht zu weit hergeholt ist.

Film plus Kritik: Wenn man solche Themen überzeichnet, muss man sich dann oft den Vorwurf gefallen lassen, dass man eine Situation verharmlost?

Dani Levy: Ja.

Film plus Kritik: Und sind das Überlegungen, die deine Entscheidungen im Filmschaffen beeinflussen?

Dani Levy: Man muss einerseits bedenken, dass wir keinen intellektuellen Arthouse-Film gedreht haben, sondern einen Familienunterhaltungsfilm, der durchaus mit Klischees und vereinfachten Prozessen zwischen Gut und Böse arbeitet. Man kann ja genauso sagen, dass jeder Marvel-Film eine Verharmlosung tausender Sachen ist. Es ist halt dem Genre entsprechend! Und wir haben auch nie gesagt, dass wir einen ernsthaft differenzierten Film über rechte Politik machen wollen. Wir wollen eigentlich einen Buddy-Film machen – zwischen Marc-Uwe und einem Känguru. Auch die Bücher leben von Überspitzung und meinetwegen von Verharmlosung. Das ist kein Drama, es ist halt Comic und das ist ok. Ein Hamburger ist ja auch keine Nouvelle Cuisine. Und das war so gewünscht und so liebt es auch das Publikum von Marc-Uwe. Und wenn es da Kritik gibt… so what.

Film plus Kritik: Allgemeiner gesprochen, was ist denn die Bedeutung von Politik im Film?

Dani Levy: Kino ist immer politisch. Auch wenn Kino sich apolitisch verhält, ist das politisch. Denn Entertainment ohne Bezug zu gesellschaftlich relevanten Themen zu machen ist genauso eine Entscheidung. Ich war immer jemand, der gesagt hat, dass Kino ein Ort ist, an dem man Beziehungen zwischen dem Individuum auf der einen Seite und dem System, der Gesellschaft und Politik auf der anderen Seite beschreibt – gerade in der Komödie! Kino hat diese politische Note und die gehört auch da rein, ob man will oder nicht. Film ist eine Sprache, mit der ich meinen Blick auf die Welt veräußere und dieser Blick ist bereits politisch gefärbt: Wie portraitiere ich Menschen? Wie ist die Welt, die ich zeige? Selbst in den kleinsten Sachen wird der Blick auf die Welt sichtbar.

Film plus Kritik: Gibt es schon Pläne zu einer Fortsetzung? Und wärst du wieder mit dabei?

Dani Levy: Das hängt davon ab, wie der Film läuft, glaube ich. Wenn der Film läuft, was wir alle hoffen, wär’s ja bescheuert, keine Fortsetzung zu machen. Ob ich wieder dabei bin… da bin ich mir wirklich nicht sicher, weil ich schon andere Pläne habe. Aber man könnte mich schon wiedergewinnen, es war ja ein tolles Projekt. Und es wäre sicher toll, aus dem ersten Film zu lernen und die Marke weiterzubringen.

Film plus Kritik: Schankedön für das Gespräch!

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Titelbild: © Film plus Kritik; Textbilder: © Luna Filmverleih