von Christian Klosz

Kathryn Bigelows letzter Film „Detroit“ bietet eine fast zweieinhalb-stündige, intensive Auseinandersetzung mit einem nicht nur amerikanischen Phänomen, die qualitativ nicht ganz an ihr Meisterwerk „Zero Dark Thirty“ anschließen kann, aber dennoch äußerst sehenswert ist.

Bigelow bleibt dabei über weite Strecken ihrem deskriptivem, nahezu dokumentarischen Stil treu, der ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, und jeden Zuseher selbst zwingt, Stellung zu beziehen, und das Gesehene zu bewerten. Gerade diese „journalistische“ Objektivität trug der Regisseurin in der Vergangenheit mehrfach Kritik ein, Gewalt zu verharmlosen, oder zu entschuldigen. Bigelow geht es aber vor Allem um eine detailtreue Rekonstruktion der Vorkommnisse in Detroit zur Zeit der Rassenunruhen 1967, und das Gezeigte spricht für sich: Offenkundig wird die menschenverachtende Kraft von Rassenhass, der Missbrauch von Macht und Menschen.

Die Tatsache, dass Bigelow die Vorkommnisse nicht einseitig schildert, sondern minutiös und großteils nüchtern beschreibt, was passiert war, und wie es dazu kommen konnte, ist besonders hervorzustreichen. Es gibt hier kein simples „Schwarz-Weiß“, sondern viel, viel Grau, und die Erkenntnis, dass, wenn auch der Rassenhass in der USA von einer Seite, der weißen Bevölkerung, ausgegangen ist, es beide Seiten zur Versöhnung braucht.

Neben dem sadistischen jungen Polizei-Offizier, der hier wahllos junge Schwarze foltert, gibt es in „Detroit“ ebenso „Mitläufer“, die nur „Befehle ausführen“, einen schwarzen Wachmann, der sich gewissermaßen zum Mittäter macht, indem er wegschaut, weiße Armee-Offiziere und Offizielle, die ihrerseits mit Abscheu auf ihre weißen „Kollegen“ reagieren – und einen schwarzen Musiker, der bei den Vorkommnissen im „Algiers“-Hotel dabei war, und nicht verzeihen und vergessen kann: Ein vielfältiges Bild, das in seiner Komplexität den Zuseher fordert, aber vor Allem wachrütteln will; und zwar nicht durch plumpe Effekte oder inszenatorische Finessen, sondern durch bedingungslosen Kino-Realismus, der alles zeigt, wie es war (ist).

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Das einzige, was man „Detroit“ ankreiden kann, ist das Fehlen einer wirklichen Hauptfigur, einer starken Identitifikationsfigur, wie etwa jene in „Zero Dark Thirty“ von Jessica Chastain so hervorragend verkörperte. Dennoch lässt sich der Film zu den besten des Filmjahres ´17 zählen, und ist jedenfalls einen Blick wert.

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„Detroit“ ist derzeit bei diversen Anbietern als VOD zu erwerben / leihen, u.a. bei Amazon (2.99€), iTunes oder Sony.


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