Das Jahr 2020 kommt nicht zur Ruhe. Die Corona-Maßnahmen werden jetzt erst, zumindest in Teilen Europas, wieder gelockert, doch schon kommt es wieder zu den ersten Großveranstaltungen. Der gewaltsame Tod von George Floyd rief eine Protest- und Solidaritätswelle in den USA und weiten Teilen Europas ins Leben, die sich gegen strukturellen Rassismus richtet und in riesige, größtenteils friedliche Demonstrationen mündete. Dass dies kein neuer Kampf ist, sollte klar sein. Seit der formalen Abschaffung der Sklaverei in den USA existiert dort ein weiterhin repressives System, dass systematisch Nicht-Weiße benachteiligt.

von Marius Ochs

Was können wir tun? Diese Frage taucht auch immer wieder auf im Moment. Sei es in den sozialen Medien oder in klassischen journalistischen Formaten: „Informiert euch!“, lautet oft die Antwort. Man solle die aktuelle gesellschaftliche Debatte als Anlass nehmen, zuerst auf sich selbst zu schauen und seine eigenen Gedanken- und Verhaltensmuster zu erkennen und gegebenenfalls zu ändern. Denn wie sich struktureller Rassismus anfühlt, sich in diese Gefühlswelt hineinzuversetzen ist für viele von uns unmöglich. Doch den Versuch zu unternehmen liegt im Bereich des Möglichen für jeden einzelnen.

Bildung durch Kunst ist dafür ein wirkungsvolles Mittel: „I Am Not Your Negro“ (2017) von Raoul Peck beschäftigt sich mit dem Thema auf verschiedenen Ebenen und unternimmt den Versuch, ein komplexes und gleichzeitig poetisches Bild von strukturellem Rassismus in den USA, aber auch von Rassismus im Allgemeinen zu zeichnen. Er bringt verschiedenste Kunstebenen zusammen: Film, Fotografie und Literatur. Durch jede dieser Ebenen wird ein eigener Zugang zum Thema ermöglicht und gemeinsam kulminieren sie sie in einem mahlstromartigen Ganzen, das einen vielleicht ein wenig näher daran bringt, zu verstehen, was all dies in der Seele des Unterdrückten anrichtet.

Auf cinematographischer Ebene arbeitet der Film sich durch die glorreiche amerikanische Geschichte dieses Mediums, um den immanenten Rassismus offenzulegen, der schon immer Teil der Traumfabrik Hollywood war. Doris Day und John Wayne, große amerikanische Film-Legenden, werden als Botschafter einer Nachricht entlarvt, die seit der Sklavenhaltung zwar die Form, aber nicht ihren Inhalt verändert hat.

Diese Medienkritik wird passend zur letzten, leider unvollendeten, literarischen Großtat des Autors und Dramatikers James Baldwin (Bild) erzählt. Er gilt als einer der Vordenker der Offenlegung dessen, was individueller Rassismus bedeutet. Auf diesem letzten Manuskript zeichnet er ein Bild von Rassismus anhand seiner Freundschaften zu den ermordeten schwarzen Bürgerrechtlern Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King Jr. Und an den Stellen, an denen dieser Text rezitiert wird, lässt der Film die geballte sprachliche Wucht von Baldwin auf den Zuschauer los und kreiert damit eine eindringlich individuelle Erfahrung, der man sich kaum verschließen kann. Die isolierte Praktik des Lesens wird hier auf den Bildschirm verfrachtet und kreiert so ein einzigartigiges Erlebnis.

Sind so der systemische Rassismus offengelegt und die individuelle Rassismus-Erfahrung zumindest in Ansätzen spürbar gemacht, verortet die Fotografie den Film im Hier und Jetzt. Er unterfüttert die Interpretation der Hollywood-Klassiker sowie die persönlichen Worte des James Baldwin mit ganz konkreten, unwiderlegbaren Beweisen für die vorgebrachten Vorwürfe. Sie lassen den Zuschauer mit dem Kopf schütteln, die Reaktion auf das Geschaute wird nicht nur psychisch, sondern auch in physische Handlungen transformiert.

So ist zumindest die Hoffnung. Hier soll kein lückenloses Portrait der Geschichte und der Auswirkungen von strukturellem Rassismus in den USA gezeichnet werden. „I Am Not Your Negro“ ist als Aufruf zur Reflexion zu verstehen, als künstlerischer Appell zum Innehalten. So hilft der Film dabei, nicht in Verbitterung zu verfallen. Denn Baldwins Ansicht, es liege in der Hand jedes einzelnen (amerikanischen) Bürgers, eine Veränderung herbeizuführen, ist zwar schon Jahrzehnte alt, aber im Hier und Jetzt genauso relevant wie damals. Filme wie dieser müssen ein Bewusstsein dafür aufleben lassen. Das ist die Hoffnung, die auch Baldwin angetrieben hat.

Fazit:

„I Am Not Your Negro“ ist ein Kunstfilm, keine klassische Dokumentation. Literatur, Fotografie und Film fließen ineinander und kreieren ein lebendiges, hypnotisierendes Ganzes. Der Film dürfte gerne viel länger dauern, man wird nicht müde, an dieser Weltsicht, an dieser Geschichtsstunde, an dieser Medienkritik und dieser sprachlichen (Gegen-)Gewalt teilzuhaben. Diese Dokumentation handelt nicht von James Baldwin, ist keine Biographie, deshalb fällt ein fehlender Fokus auf dessen eigene Geschichte nicht zu sehr ins Gewicht, auch wenn diese Aspekte noch hochinteressant gewesen wären. Aber auch so ist eine grandiose, monumentale Dokumentation entstanden, die immer wichtig war, immer wichtig sein wird aber vielleicht gerade jetzt am wichtigsten ist.

Bewertung:

9 von 10 Punkten (91/100)

„I am not your Negro“ ist derzeit bei Netflix zu sehen. Zusätzlich kann man den Film in Österreich noch bis inkl. SO, 14.6. in der ORF-TV Thek streamen.

Bilder: (c) Salzgeber