Die Darstellung von psychischen Störungen und „Geisteskrankheiten“ hat eine lange Tradition im Genre-Film, der „Psycho-Thriller“ baut meist darauf auf und nicht wenige Horrorstreifen erlangten ihre Faszination oder ihren Erfolg erst durch die Darstellung des „ganz (ab)normalen Wahnsinns“. Seltener stellt ein Film das psychische Leiden einer Person in den Mittelpunkt der Erzählung, wenn doch, triftet das oftmals in sentimentalen Betroffenheitskitsch ab, der Mitleid erheischen möchte. Recht selten kommt es vor, dass eine betroffene Filmfigur Held/in sein darf, nicht wegen ihrer diversen Leiden, sondern trotz dieser. „Fear of Rain“, vor kurzem auf DVD und BluRay erschienen und auch auf Amazon Prime zu sehen, schafft den Spagat zwischen Psycho-Drama und Thriller und lässt seine Hauptdarstellerin glänzen, die eine an Schizophrenie leidende Schülerin mimt, die zunehmend damit zu kämpfen hat, ihre Wahnvorstellungen von der Realität zu trennen (und umgekehrt).

von Christian Klosz

Rain Burroughs (großartig: Madison Iseman) hat eine ihrer schizophrenen Episoden: Unter Verfolgungswahn leidend zerstört sie ihr Zimmer, verletzt sich selbst, während sie glaubt, von einem Mann in einem Wald gejagt zu werden. Schließlich hilft nur noch die Einweisung in die Psychiatrie und die „Zwangsfixierung“ und Sedierung, damit sie sich wieder etwas beruhigt. Weil solche Vorfälle bereits wiederholt vorkamen, spricht Rains Therapeutin Klartext mit ihr: Sie muss ihre Medikamente nehmen und sich „zusammenreißen“, denn ein Nervenzusammenbruch noch, und sie wird zwangseingewiesen und in einer Institution für psychisch Kranke dauerhaft weggesperrt. Rain tut ihr Bestes, versucht sich zuhause bei ihrer Familie zu erholen und geht schließlich wieder zur Schule. Dort will keiner (mehr) etwas von ihr wissen, sogar ihre beste Freundin weist die „Verrückte“ ab. Rain lässt all das über sich ergehen, widmet sich ihrem liebsten Hobby, dem Malen – und lernt schließlich Caleb (Israel Broussard) kennen, der sich sehr für sie interessiert. Sie ist sich lange Zeit nicht sicher, ob der überhaupt „echt“ ist, oder eine bloße Einbildung ihrer Phantasie, genießt aber die Zeit mit ihm und die Tatsache, endlich jemanden zu haben, der ihr zuhört.

Eines Nachts blickt Rain in das Dachgeschossfenster ihrer Nachbarin Mr. McConnel, zugleich auch ihre Lehrerin in der Schule, und ist davon überzeugt, dort ein kleines Mädchen gesehen zu haben. Niemand will ihr so recht glauben, Besuche und Nachforschungen ergeben nichts und Rain sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sich all das nur einzubilden. Für sie beginnt ein schwieriger Kampf mit dem Verstand und mit der/gegen die eigene Wahrnehmung, der auch eine Konfrontation mit schmerzhaften Erinnerungen aus der Vergangenheit unumgänglich macht.

Katherine Heigl als Rains Mutter

Wer sich bei „Fear of Rain“ einen reißerischen Thriller erwartet, wird enttäuscht: Über zumindest 2/3 der Laufzeit ist der Film in erster Linie ein personenzentriertes Drama oder Porträt eines immer noch sehr unbekannten Leidens, und des Umgangs der Betroffenen damit. Rain wird nie als hilfloses Opfer dargestellt, als „Sklavin ihrer Krankheit“, die Mitleid möchte, sondern als starke, eigenständige Frau, deren Päckchen, das sie zu tragen hat, eben um einiges schwerer ist das das der meisten Menschen. Die Handlung wird aus ihrer Perspektive erzählt und wir bekommen auch ein Gefühl dafür, wie ein Alltag mit Schizophrenie aussehen könnte. Der in der Bewerbung von „Fear or Rain“ kommunizierte „Psycho-Thrill“ kommt zwar noch, aber spät, und etwas schaumgebremst. Die Thriller- und Spannungs-Elemente machen Sinn, fügen sich ins Gesamtkonzept des Films ein und wirken nicht „gezwungen“, sind aber eindeutig nicht der Schwerpunkt.

Das größte Lob gebührt der jungen Madison Iseman für ihre glaubwürdige, realistische und doch recht sympathische Darstellung ihrer Figur, die trotz ihrer für sie und ihr Umfeld höchst belastenden Disposition tapfer durchs Leben geht – und gegen Ende zu so etwas wie einer Heldin avanciert (Details werden nicht verraten, um Spoiler zu vermeiden). Man nimmt ihr das alles in jedem Moment ab und man hat danach das Gefühl, etwas besser verstanden zu haben, wie es ist, tagtäglich mit Schizophrenie leben zu müssen. Als sie sich gegenüber ihrem neu gefundenen Freund Caleb für ihr Verhalten entschuldigen will, sagt dieser den schönen Satz „Don’t excuse yourself. It is what makes you you. Or do you hear anyone excusing himself for having diabetis?“

Fazit:

„Fear of Rain“ ist ein gelungener Hybrid aus Psycho-Drama und -Thriller, dessen Fokus auf dem Porträt der immer noch mit vielen Vorurteilen behafteten Krankheit Schizophrenie liegt. Eine stimmige Inszenierung trifft auf gute bis tolle Darstellerleistungen und das Ergebnis ist ein zwar nicht überragender, aber doch sehenswerter Film, der zu den bisher besseren Auswürfen des Jahres 2021 zählt.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(74/100)

„Fear of Rain“ erschien am 26.3. auf BluRay und DVD und ist seit kurzem auch auf Amazon Prime zu sehen.

Bilder: (c) Amazon Prime