Comedy-Serien haben es tendenziell eher schwer in der neuen Serienwelt, die von epischen Event-Episoden und teuer produzierten Settings lebt, die aussehen, wie große Hollywood-Filme es früher getan haben, als es noch solche gab. Eine Ausnahme von wenigen ist die kanadisch-amerikanische Produktion „Schitt’s Creek“, deren 6. Staffel derzeit Preis um Preis abräumt und die es seit 2015 geschafft hat, eine eigene Nische zu besetzten. Erfunden von „American Pie“-Dad Eugene Levy und seinem Sohn Daniel Levy erzählt „Schitt’s Creek“ die Geschichte der steinreichen Familie Rose, die aufgrund unvorteilhafter Finanzentscheidungen und korrupter Geschäftspartner von einem Tag auf den anderen ihr gesamtes Vermögen (inklusive der teuren Villa und der gesamten Belegschaft) verliert. Staffel 1 erscheint am 16.4. bei Edel Motion als DVD und ist bereits seit 2.4. als VOD digital verfügbar.

von Christian Klosz

Die Roses, bestehend aus Vater Johnny (Eugene Levy), Mutter Moira (Catherine O’Hara), Sohn David (Daniel Levy) und Tochter Alexis (Annie Murphy), haben dennoch Glück im Unglück: Ihnen gehört das titelgebende Kaff Schitt’s Creek, das Johnny Sohn David vor einigen Jahren zum Spaß zum Geburtstag gekauft hatte. Mangels Optionen begibt sich die mondäne Großstadtfamilie in das ländliche Örtchen und kommt dort im lokalen Motel unter. Sie tun sich sichtlich schwer mit der Umstellung und finden sich in der fremden, ungewohnten Umgebung völlig ohne Luxus kaum zurecht, sind gar angewidert von den in ihren Augen primitiven Provinzbewohnern. Doch mit der Zeit gewöhnen sie sich an ihr neues Zuhause, an ihre neuen Nachbarn und an ihr neues Leben, dem langsam auch positive Seiten abgewonnen werden können. Staffel 1 handelt von dem widerwilligen Einleben der Roses in Schitt’s Creek, das auf den zweiten Blick doch mehr zu bieten haben könnte, wie es erst scheint.

„Schitt’s Creek“ funktioniert aus zwei Gründen: Zum einen ist es die konstante Konfrontation, das Aufeinanderprallen zweier Welten, zweier Lebensphilosophien, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Stadt versus Land, Metropole versus Provinz, Zentrum versus Peripherie, Kultur versus Natur, Luxus versus Bodenständigkeit, und so weiter – die verwöhnte, noble und exzentrische Familie Rose bekommt es mit nicht minder schrägen Charakteren vom Land zu tun, wie etwa dem Vokuhila-tragenden Bürgermeister Roland Schitt (brillant: Chris Elliot) und seiner Familie. Die Komik erwächst aus der Spannung und Reibung dieser Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Vorstellungen. Und aus der Tatsache, dass die Roses – je länger sie in dem Kaff zubringen – Gefallen an ihrem neuen, zuerst so verteufelten Leben finden.

Der zweite Grund, vermutlich der noch wichtigere: „Schitt’s Creek“ ist voll mit interessanten, spannenden Charakteren, denen man gerne zuschaut. Bürgermeister Schitt wurde schon erwähnt, doch auch die Familie Rose hat einiges zu bieten: Johnny ist der immer höfliche, korrekte, anständige Familienvater, der versucht, so würdevoll wie nur möglich mit der tristen Lage umzugehen. Seine Gattin Moira, ein ehemaliger, eher unvorteilhaft gealterter Soap Opera-Star, hat damit schon größere Schwierigkeiten: Sie versucht, ihren Geld- und Status-Verlust durch schräge, wohl teure, aber furchtbar geschmacklose Outfits zu kaschieren, mit denen sie die provinziellen Einfaltspinsel (so sieht sie sie) zu beeindrucken versucht.

Tochter Alexis, Mitte 20, ist der Prototyp einer verwöhnten Göre, die immer alles hatte und noch nie für ihr Glück arbeiten oder kämpfen musste. Ihr erstes Interesse in Schitt’s Creek gilt folglich den jungen Männern im Ort, zuallererst denen mit gutem Aussehen und (etwas) Status. Die interessanteste Figur bleibt trotzdem der von Co-Autor und -Kreator Daniel Levy verkörperte David Rose, ein ganz eigenwilliger Charakter Ende 20, der in erster Linie durch seine affektierte Ausdrucksweise und seine unbändige Stilobsession auffällt. Auf den ersten Blick wie ein typischer „schwuler Seriencharakter“ agierend, beginnt David eine Affäre mit der stets sarkastischen und klugen Hotelrezeptionistin Stevie (Emily Hampshire), der zweite Figuren-Volltreffer, die darüber erst ebenso irritiert und überrascht ist, wie das Publikum – bis David offenbart, „pansexuell“ zu sein und schon mit allem und jedem seine (sexuellen und amourösen) Erfahrungen gemacht zu haben. Dieser David – man bedenke zudem, dass er vom Darsteller selbst entworfen und geschrieben wurde – gehört zu den spannendsten und vielschichtigsten Seriencharakteren der letzten Jahre, man beachte außerdem, dass es sich hier um keine ausgedehnte Drama-Serie handelt, sondern um Comedy mit jeweils kurzen 20-Minuten-Episoden.

Fazit:

Toll geschrieben, präzise beobachtet, kurzweilig, unterhaltsam, herzlich und vor allem von schrägen Charakteren bevölkert, die man trotz oder gerade wegen ihrer exzentrischen Eigenheiten schnell ins Herz schließt: „Schitt’s Creek“ ist ein gelungene Comedy-Format, die 13 Episoden von Staffel 1 vergehen im Flug und machen Lust auf mehr: Two thumbs up!

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(86/100)

Bilder: Edel Motion / Glücksstern PR