Mit Erwartungen ist das so eine Sache im Leben: oft genug wird man enttäuscht, wenn man welche hat. Umso vorsichtiger müssten Marketingabteilungen eigentlich vorgehen, wenn es um die Bewerbung eines neuen Produktes geht. Und doch lässt sich gerade im Bereich der hohen Kunst der Trailer leider immer wieder bemerken, dass hier das Augenmerk allzu oft auf Effekthascherei liegt, als darauf, dem Zuschauer wirklich zu vermitteln, was für eine Art Film einen erwarten wird. So wurde einem „Passengers“ damals als Science-Fiction-Film mit Horroranklängen verkauft, war am Ende dann aber ein Liebesdrama mit ein klein wenig Survival-Elementen. Dieses Schicksal ereilt nun auch „The Nest“, der seit dem 9.7. nach etlichen Corona-bedingten Verschiebungen in den hiesigen Kinos zu sehen ist.

von Mara Hollenstein-Tirk

Denn auch bei „The Nest“ suggeriert der Trailer, man würde es mit einem Psychothriller par excellence zu tun bekommen, unterstreicht dies sogar mit einer passenden Zitat-Einblendung, was der Zuschauer dann aber zu sehen bekommt, ist ein schlichtes Familiendrama. So etwas kann mit den richtigen Schauspielern natürlich trotzdem hervorragend funktionieren, allerdings nur, wenn auch der Rest der Inszenierung passt – und hier fangen die Probleme an.

Doch bleiben wir zunächst noch kurz bei den Schauspielern, denn sie sind der wahre Grund, weshalb man trotz unterwanderter Erwartungen gebannt dem Treiben auf dem Bildschirm folgt. Zu Jude Law muss man dabei eigentlich gar nicht viele Worte verlieren. Auch wenn er dem großen effektvollen Blockbusterkino nie abgeneigt war, hat er doch schon in zahlreichen Rollen eindrucksvoll bewiesen, dass er auch die kleineren, leiseren Töne meisterhaft beherrscht. So sprüht sein Spiel geradezu vor vibrierender Energie; seine sich stets steigernde Verzweiflung ist für den Zuschauer beinahe schon greifbar.

Ihm zur Seite steht Carrie Coon, vielleicht vom Namen her noch nicht so bekannt wie Law, aber Serienfans dank einer großartigen Performance in „Fargo“ durchaus ein Begriff. So verwundert es auch nicht, dass sie es scheinbar spielend schafft, Law als ebenbürtige Spielpartnerin gegenüber zu stehen und für ein paar echte Gänsehautmomente zu sorgen. Eine echte Tour de Force also und ganz große Schauspielkunst. Könnte man doch einfach die Kritik hier als beendet erklären und die Akte damit schließen, aber ein Film besteht nun einmal nicht nur aus Schauspiel – nicht einmal ein Drama. Damit wären wir bei der Inszenierung angekommen, die sich in diesem Fall einer Kritik stellen muss, die so wohl selten geäußert wird. Ähnlich wie der Trailer suggeriert sie einem nämlich permanent einen anderen Film, schürt so Erwartungen, löst diese aber niemals ein. Ganz im Gegenteil, sie unterwandert sie, untergräbt sie, ob mit Absicht oder unbewusst lässt sich bei einem jungen Regisseur wie Sean Durkin nur schwer sagen, aber so drastisch wie es in diesem Fall ist, muss man wohl doch von ersterem ausgehen. Solch ein Spiel mit den Erwartungen ist allerdings ein waghalsiges, an dem sich bereits erfahrenere Filmemacher teils ohne großen Erfolg versucht haben.

Und auch Durkin gelingt das Kunststück leider nicht. Musik, Schnitt, Kameraperspektive, alles scheint einen glauben machen zu wollen, dass der große, böse Schatten bereits hinter der nächsten Ecke lauert, dass sich hier etwas Unheilvolles zusammenbraut und es nur eine Frage der Zeit ist, bis es über die Familie hereinbricht. Während also die Spannungskurve durch mehrere Tricks konstant hoch gehalten wird, man als Zuschauer beständig vermutet, hier einen Thriller zu sehen, plätschert die eigentliche Handlung so vor sich hin. Nichts passiert, was die eingesetzten Mittel tatsächlich rechtfertigen würde. Eine wohlhabende Familie, ein etwas narzisstischer Vater, ein neues Jobangebot, ein Umzug, ein verbockter Deal, Streit, Unsicherheiten, Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Das alles mag Stoff für ein gelungenes Drama, sogar eine Charakterstudie sein, bietet allerdings kein Thriller-Potenzial. Denn der Vater wird nicht plötzlich handgreiflich, im Keller lauern keine wirklich besorgniserregenden Leichen. Ja, der schöne Schein, die gespielte heile Welt, sie fängt an zu bröckeln, wird schließlich sogar gekonnt demontiert, von einem „Psychothriller“ ist das alles aber trotzdem meilenweit entfernt.

Fazit:

So bleibt am Ende ein Film, der einen äußerst gespalten im Kinositz zurücklässt. Auf der einen Seite durfte man gerade gut eineinhalb Stunden wunderbarstes Schauspiel genießen, auf der anderen Seite verspricht einem die Inszenierung etwas, das „The Nest“ nie einlöst. Enttäuschung macht sich am Ende breit, wenn das Kartenhaus schließlich in sich zusammenfällt, ohne jemals den angedeuteten finalen Klimax zu liefern.

Bewertung:

Bewertung: 6 von 10.

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Bild: (c) © Luna Filmverleih