Auf den ersten Blick scheint die Corona-Krise für die Film- und Kinowelt vorbei zu sein: Es darf wieder gedreht werden, die Kinos haben fast überall geöffnet, die lange Zeit zurück gehaltenen, großen Filmstarts landen nun doch step by step in den Lichtspielhäusern – und es gibt wieder die Möglichkeit, große Filmfestivals mit Publikum zu veranstalten, die die Branche braucht wie den Bissen Brot, um wieder in Fahrt zu kommen, immerhin sind die „großen Drei“ Berlin, Cannes, Venedig die wichtigste Plattform für Filmemacher mit Anspruch, ihre neuen Werke zu präsentieren.

von Christian Klosz

Wobei man bereits hier einschränken muss: Eineinhalb Jahre Krisenmodus haben ihren Abdruck auf einer Branche hinterlassen, die noch stärker Richtung Streaming driftete als schon davor, wie sich an der Posse rund um den „Black Widow“-Start zeigte. Disney wollte das offenbar finanziell erfolgreiche „Exclusive“-Modell auf Disney+ auch nach der Kinoöffnung nicht aufgeben und sein neuestes Werk für schlappe 22€ auf der eigenen Streamingplattform präsentieren. Den Kinos drückte man teils unerfüllbare Bedingungen aufs Auge, was zum partiellen Boykott von Kinobetreibern führte, die entschieden, den Film nicht in ihren Sälen zeigen zu wollen. Also alles wie gehabt? Mitnichten. Und wie sieht das nun mit den Filmfestivals aus?

Seit letzter Woche tummeln sich in Cannes eine Menge Stars und Sternchen, um ihre neuen Werke zu präsentieren. Das Programm ist nach de-facto-Pause 2020 dicht wie selten und mehr als beachtlich: Alleine im Wettbewerk tummeln sich die neuesten Filme von Leos Carax, Paul Verhoeven, Sean Penn, Wes Anderson, Nadav Lapid, Asghar Farhadi, Apichatpong Weerasethakul, Sean Baker oder Nanni Moretti. Und trotzdem ist vieles anders: Das Interesse von Publikum, aber auch von Branche und Presse ist eingeschränkt, was vor Allem mit dem Zeitpunkt zu tun haben mag. Nach 1.5 Jahren Corona-Krise, nach 7 Monaten Lockdown und vor möglichen, weiteren (Delta-)Restriktionen ist für viele ein Filmfestival oder Kinobesuch nicht die Priorität Nummer 1 – verständlich. Das wirkt aus der Distanz so – wir sind heuer leider auch nicht vor Ort – aber auch Berichte direkt aus Cannes legen Ähnliches nahe: Die Stimmung ist gedämpft. Trotzdem muss man seitens der Cannes-Chefitäten natürlich so tun, als wäre nichts, und man ist wohl heilfroh, das Festival überhaupt in halbwegs normaler Weise über die Bühne zu bringen. Und, keine Frage, es ist wichtig, dass Filme, die in manchen Fällen bereits seit 2 Jahren in den Schubladen liegen, endlich ihre Chance auf Öffentlichkeit bekommen.

Trotzdem ist nicht abschätzbar, wie das Prinzip „Filmfestival“ in Corona- und Post-Corona-Zeiten funktioniert. Zu den klassischen Formaten kamen aus der Not geborene „Notlösungen“ wie „Online-Festivals“ oder Hybridformen, die vom Publikum gut angenommen wurden: Es kann sich ohnehin nicht jeder teure Reisen nach Frankreich, Italien oder Deutschland leisten und wer nicht zum Kino kommen kann, zu dem kommt es eben nach Hause. Es wird auch in Zukunft Plattformen brauchen, um große, neue Filmwerke der Öffentlichtkeit zu präsentieren. Ob diese allerdings weiterhin so aussehen werden, wie seit Jahrzehnten gewohnt, steht in den Sternen. Cannes wagt 2021 einen verhaltenen Versuch der Rückkehr zur Normalität – unter veränderten Bedingungen. Aber wenn sich die Bedingungen geändert haben, wird sich dann nicht auch die Normalität ändern müssen?

Infos, Fotos & das gesamte Programm von Cannes 2021 gibt es auf der Website des Festivals.