The Florida Project(s)

                 Kritik von Valerian Happenhofer

„The Florida Project“ ist der neue Film von Sean Baker. Nach seinem Indiehit „Tangerine“ (2015), der ausschließlich auf einem iPhone gedreht wurde, kehrt der Regisseur nun mit einem konventioneller gedrehten, aber nicht weniger brisanten Film auf die Leinwand zurück. In Amerika schon lange angelaufen, schafft es der Film am 16.3.2018 endlich in die österreichischen Kinos. Ein Grund dafür ist wohl unter anderem die Oscarnominierung von Willem Dafoe („Antichrist“ 2009, „The Grand Budapest Hotel“ 2014) in der Kategorie „Best Supporting Actor“.

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Wir begleiten den Alltag der kleinen, quirlig-frechen Moonee (Brooklynn Prince) und ihrer Freunde. Schnell wird klar, dass das Umfeld, in dem diese Kinder groß werden, kein gewöhnliches ist. Die Welt wirkt skurril, dennoch farbenfroh. Überall stehen teils verlassene Gebäude, die auf eine bessere, fröhlichere Vergangenheit verweisen. Die Erwachsenen scheinen ausgeschlossen aus dem „System“ zu sein. Sie versuchen, sich irgendwie über Wasser zu halten. In dieser Umgebung wachsen die Kinder dementsprechend auch relativ undiszipliniert auf. Moonees Mutter – überzeugend dargestellt von der Laienschauspielerin Bria Vinaite – versucht deshalb, für ihr Kind, wie auch für sich selbst, das Leben bestmöglich zu gestalten. Mittendrin, und scheinbar die einzige Person mit einem „geregelten Dasein“ ist Hausmeister Bobby (Willem Dafoe). Er muss als alleiniger Verantwortlicher in dem für den Film zentralen Gebäudekomplex immer wieder für Recht und Ordnung sorgen.

Die Hauptlocation, in der „The Florida Project“ gedreht wurde, erstrahlt in wunderschönem Lila. Nach außen hin scheint die Fassade makellos und heiter. Kinder toben und schließen Freundschaften und können dabei ihrem Abenteuerdrang freien Lauf lassen. Doch sobald sich der Blick in das Innenleben der Wohnungen richtet, offenbart sich die eigentliche Wahrheit: Zerstörte Träume, gescheiterte Beziehungen und Armut.

Diese schweren Motive greift Baker auf, und präsentiert sie dem Zuschauer durch eine kindlich geschönte Wahrnehmung. Der Film beginnt mit dem Song „Celebtration“ von Kool & The Gang. Zelebriert wird im Film lediglich die Unschuld der Kindheit, die den Kindern dennoch oft von den Eltern genommen wird. So gibt es immer wieder Momente, die für die Kinder sichtlich ungeeignet sind, aber dennoch normal in ihrem Milieu erscheinen.

Die Kameraarbeit in „The Florida Project“ ist gut und bescheiden. Die Einstellungen sind meistens in Untersicht gefilmt, so dass die Position der Kinder auch bildlich eingenommen wird. Eine Schlüsselszene bricht jedoch komplett mit dieser Ästhetik, und erreicht somit eine besonders starke Wirkung. Durch diesen Bruch wird man als Zuschauer besonders angeregt, die Authentizität der Geschichte anzuerkennen.

Die große Stärke des Films sind seine Charaktere und die Schauspieler. Alle liefern hier tolle Performances ab, die von Herzlichkeit nur so strotzen. Die gute Chemie zwischen den Darstellern merkt man zu jeder Sekunde. Dadurch wirkt der Film besonders bodenständig, und wenig filmisch. Besonders die Kinderdarsteller, allen voran Brooklynn Prince, machen ihre Sache großartig, und Sean Baker schafft es sogar, eine große und ungeahnte Bandbreite an dargestellten Emotionen in ihnen hervorzurufen.


„The Florida Project“ ist ein herzerwärmender und doch tragischer Film über Kindheit, Unschuld und Zusammenhalt. Alle Darsteller scheinen „direkt aus dem Leben“ gecastet zu sein, und tragen einen großen Teil zur Glaubhaftigkeit des Films bei. In den 115 Minuten Laufzeit kann man lachen, staunen, sich ärgern und weinen. Sean Baker ist ein toller Film gelungen, der ihm hoffentlich genug Lorbeeren einbringen wird, um weitere, größere Projekte verwirklichen zu dürfen. Fans von lebensnahen Dramen werden eine gute Zeit mit dem Film haben.

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